Lösemittel, energetische Emulgatoren und eine Erscheinung

Lösemittel, energetische Emulgatoren und eine Erscheinung

Bei der Arbeit im neuen Haus

Holly schwingt den Pinsel

Also streiche und lackiere ich zehn Tage lang. Stehe um sieben auf, springe in den Blaumann, lege los bis mittags, ziemlich high von den leckeren Lösemitteln hole ich mir im „Karma“, dem einzigen veganen Imbiss downtown, ein Mittagessen und einen Salat für abends, höre Taylor Swift und Robbie Williams und lasse sämtliche Doku-Soaps laufen, bei denen ich insgeheim gern mal mitmachen würde: Shopping Queen, Mieten, kaufen, wohnen, Alles, was zählt.

Im „Karma“ ventilierten zwei abgemagerte Heidi-Klum-Kopien gestern die Theorie, derzufolge diese Fernseh-Formate mit Frequenzen versehen seien, die das Gehirn weich machen.

Da spricht wohl jemand aus Erfahrung, dachte ich gehässig. Zur Vorsicht surfe ich jedoch heute Abend durchs Netz und lande auf ziemlich abgespacten Websites, auf denen von energetischen Emulgatoren die Rede ist, die angeblich beim Fernsehen unsere Synapsen schwächen. Super, wir gucken Das perfekte Dinner und nebenbei wird unser Gehirn weichgekocht.

Bergedorf, Lohbrügger Weg, 5. Juli:

Drei Zimmer, Küche, Bad, Balkon. Hochhaus. Die meisten Leute wohnen hier, weil es nicht anders geht. Rita und Heinz finden es auch nicht wirklich schön, denken aber nicht darüber weiter darüber nach. Solange Rita hier sein will, will Heinz auch hier sein. Sie sind nicht verheiratet, tragen aber goldene Ringe. Heinz würde ja gern, seit vierzig Jahren würde er gern, aber es nützt ja nichts. So ohne Papiere.

„Heinz?“

„Hmhm?“ Heinz lässt die Zeitung sinken und blickt sie an, seine Rita, seine seine seine. Die Liebe fließt aus seinem Herzen in seine Augen und umfängt die Frau im rosa Morgenmantel zärtlich und wissend.

„Ich muss etwas unternehmen.“

„Ich weiß, mein Schatz. Ab und an muss das sein. Das ist in Ordnung.“ Heinz lächelt nachsichtig. „Wirst du viel unterwegs sein?“

„Nein, ich glaube nicht.“

Beitragsbild Hochhaus Foto: S.Golnick

„Wer ist es denn dieses Mal?“ In Heinz’ Augen spiegeln sich die Erinnerungen an die, die in ihr beider Leben traten, nachdem Rita verkündet hatte, dass sie etwas unternehmen muss. Ein bisschen neugierig ist er indes auch. Und stolz. Zu wissen, dass er zwar den Eindruck erweckt, ein x-beliebiger Rentner in kariertem Flanellhemd, Hosenträgern und rentnerbeigen Gabardine-Hosen zu sein, tatsächlich jedoch ein sehr besonderes Leben an der Seite einer sehr besonderen Frau führt, lässt sein Herz mitunter pochen, als würde es seine Brust sprengen, alle körperlichen Begrenzungen aus Fett, Fleisch, Faszien hinter sich lassend, um durch die Welt zu hüpfen, zu springen, alle anzustecken mit der puren Freude, die es seit dem Tag erfüllt, da es zu begreifen begann, wer Rita ist. Ein Internist würde wahrscheinlich ein Langzeit-EKG anordnen und Tabletten verschreiben. Und natürlich besteht immer auch noch die winzige, hässliche Alternative, dass er, Heinz, nicht alle Tassen im Schrank hat. Aber so sehr kann man sich nicht täuschen, nein.

Auftritt Rita!

Der Zeitpunkt, um ein Büro in einem 20.000-Seelen-Ort zu eröffnen, ist suboptimal. Noch sind Ferien, viele sind unterwegs, der Rest ist mit Garten und Grillen beschäftigt. Während ich in meinem schicken Büro sitze und über die Frage nachdenke, was ich hier eigentlich soll, wird die Eingangstür mit Schwung aufgerissen.

„Guten Tag“, begrüßt mich eine Erscheinung mittleren Alters strahlend.

„Guten Tag“, erwidere ich höflich, überzeugt, dass die Erscheinung sich in der Hausnummer geirrt hat. Sie sieht aus, wie jemand, der vier Katzen hat. Ehrlich gesagt sieht sie aus wie jemand, der mit Papilloten schläft, geblümte Morgenmäntel trägt, die Titelmelodien aller Soaps mitsingt, perfekten Apfelkuchen backt, einen Ehemann hat, der in ihr die deutsche Antwort auf Dolly Parton sieht, und drei erwachsene Kinder. Ein Reihenendhaus, grüne Plüschstores, gegelte Nägel. Und vier Katzen.

„Ich fall’ mal gleich mit der Tür ins Haus“, sagt die Erscheinung und verdreht sogleich die Augen. „Noch mal von vorn.“ Sie schließt für einen Moment die Augen, öffnet sie wieder und blickt mich an. „Mein Name ist Rita Rodenborg.“ Sie ergreift meine Hand und schüttelt sie kraftvoll. Warme Hand. Angenehm. Ein Blick, in dem mütterliche Fürsorge und Entschlossenheit liegen. Und eine Klarheit, die nicht zu dem Styling zu passen scheint, aber der Gedanke, dass platinblond gesträhnte Pudel-Pony-Hochfrisuren nur Köpfe ohne nennenswerte Ganglien-Aktivität zieren, gehört in den Bereich Mythen und Legenden arroganter, glattgeföhnter Medien-Schnösel.

„Angenehm. Holly …“

„Ich weiß, ich hab’ das Schild gesehen. Das ist ja schon ein bisschen länger dran als Sie hier drin, nicht. Also, ich meine, Sie haben es wahrscheinlich deshalb vor Ihrem offiziellen Einzug befestigt, damit die Leute sich schon mal Gedanken machen, ob sie ihre PR nicht ein wenig aufmöbeln sollten, nicht? Also, ich habe mir jedenfalls Gedanken macht. Als ich das Schild sah, sagte ich zu mir, Rita, jetzt oder nie.“

„Kann ich Ihnen vielleicht einen Kaffee anbieten?“ Eigentlich will ich Rita loswerden, aber irgendwie auch nicht. Ich bin gespannt, was das hier werden soll.

„Nein, danke. Sonst verlässt mich der Mut.“ Sie holt tief Luft. „Ich möchte mich bei Ihnen bewerben. Als Assistentin. Als Ihr Back-Office.“

„Oh.“ Das ist alles, was mir dazu einfällt.

„Ja“, sagt sie und nickt. „Ich bin selbst etwas überrascht.“

Wir stehen einen Moment voreinander und wissen nicht so recht, wie es weitergehen soll. Rita Rodenborg abzuwimmeln ist, glaube ich, keine gute Idee. Ihre Aufmachung mit getürmten Löckchen, Mille-fleur-buntem Minirock, weißen Sommerstiefelchen mit Troddeln und Lederblouson in mintgrün ist so absurd, dass sie ebenso gut eine Schauspielerin sein könnte, angeheuert von lieben Kollegen.

Die Tricks konkurrierender PR-Leute können sehr, sehr schmutzig sein, ich kenne Stories von fingierten Gesprächen wie diesem, die per Webcam aufgezeichnet und auf YouTube veröffentlicht wurden, wodurch die hoffnungsvollen Existenzgründer ratzfatz zur Lachnummer der Branche oder zum Miststück der Saison avancierten, je nach Drehbuch ihrer Rivalen. Dieses Image kriegt man nie wieder los. Einmal im Netz, immer im Netz. Vorsicht ist also geboten. Und nein, ich bin nicht paranoid.