Er wäre der perfekte Kaffeeprinz gewesen…

Er wäre der perfekte Kaffeeprinz gewesen…

Während die meisten seiner Patienten jetzt ihren Herrchen und Frauchen beim Fernsehen Gesellschaft leisten, löscht Dr. Oliver Andreesen das Licht in seiner Praxis und geht hinauf in den ersten Stock. Duschen, allen Schmerz, alles Leid seiner Patienten abwaschen. Das dauert. Ein 1,85 Meter langer, gut trainierter, 38jähriger, sehr ansprechender männlicher Körper will ausgiebig geseift und bewässert sein. Zeit für uns, die inneren Werte, das Woher und Wohin des Dr. Oliver Andreesen etwas besser kennenzulernen.

Der Ur-Ur-Enkel der Kaffeeprinzessin

1981 kam er in einer Bremer Privatklinik, die etwas mehr als zwei Katzensprünge von der Parkallee entfernt liegt, zur Welt, und wie der Nachname es vermuten lässt, entstammt der Junge der Familie Andreesen, einer der reichsten und legendärsten Familien der Hansestadt, die ihren Wohlstand und ihren Ruhm dem Kaffeehandel und dem wirtschaftlichen Geschick der „Kaffeeprinzessin“ genannten Felicitas Andreesen verdankt, aschblond, aquamarinblauäugig und tough bis in den Tod. Der kleine Oliver, ihr Ur-Ur-Enkel, wächst zu einem Jungen heran, dem der Genpool der Andreesens schulische, amouröse und akademische Vorteile verschafft. Ja, er wäre der perfekte „Kaffeeprinz“ gewesen, ja, er hätte sich nur ins gemachte Nest legen müssen, aber das war es nicht, was sein Herz zum Singen und Klingen brachte.

Die Familie war nicht sehr glücklich über seine Entscheidung, fand aber nach einigem Hin und Her für die Zukunft des Familienunternehmens eine andere, sehr clevere Lösung, die Felicitas zur Ehre gereicht hätte. Dies indes ist eine andere Geschichte und soll zu einem anderen Zeitpunkt erzählt werden. Im Übrigen steht nicht zu erwarten, dass irgendwer aus der Bremer Parkallee hier in Bergedorf aufschlägt. Blut hin oder her, die Verbindungen sind zu porös, um neu geknüpft zu werden. Obwohl… nun, wir werden sehen.

Ein Blick nach Overbüll

Overbüll Foto: Susanne Golnick

Ein weit geöffnetes Fenster mit verwitterten weißen Holzsprossen, ein Blumenkasten aus braunem Plastik, windschiefe Halterungen in solidem, weiß verputztem Mauerwerk, üppig blühende Petunien. In der Ferne der Deich, drei Meter hoch, viele Kilometer lang, festes kurzgebissenes Gras, etliche cremefarbene Schafe, die wie Attrappen wirken, weil sie sich der Massen von Wolle wegen so ökonomisch wie möglich bewegen, eine sanfte Armee, die das der Nordsee abgetrotzte Marschland gegen die einstige Besitzerin verteidigt. Oft hat die nämlich schlechte Laune, wütet, kämpft, ist tückisch, holt sich Menschenopfer durch fiese Unterströmungen. Aber heute liegt sie auf der faulen Haut, ein blankes, silbernes Tuch mit eingewebtem Versprechen: Waffenstillstand jetzt! Morgen geht der Kampf weiter.

Die Menschen, die den blanken Hans und die Windschur überlebt haben, dominieren diese Gegend von großen Höfen und Haubargen aus, hektarweise Land in Familienbesitz seit 1500, hier wohnen fette Konten und knorriges Sein, bleierne Traditionen und ein paar Hamburger, die es sooo nachhaltig finden, sich hier für ein, zwei Jährchen wochenends dem Landleben zu ergeben. Solche Höfe erkennt man daran, dass sie wie eine Filmkulisse aussehen. Die Requisiten sind dabei immer gleich: ein Border-Collie oder Labrador (im Moment sind die braunen im Trend), gestresst umherlaufend, was malerisch wirkt, aber ein Fall für Cesar Milan ist, ein Porsche Cayenne oder BMW active Tourer, Klangspiele in den Bäumen und darunter (seitdem jeder Hansel sich witterungsbeständige Loungemöbel leisten kann) Gartentische aus vierhundert Jahre alten Klostertüren auf Traktor-Rad-großen geschmiedeten keltischen Kreuzen.

Zwischen Tradition und Trend gedeihen Ausnahmen, aber ach…

„So bin ich nicht angetreten“, sagt Lana. Sie ist ein Gewächs der 1968er, das hier zusammen mit ihrem Mann vor vielen Jahren Wurzeln schlug, um ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. Die letzten Jahre seit seinem Tod haben sich als Schatten um ihre Augen gelegt.

„Wir leben von der Hand in den Mund“, erwidert Pia ungehalten. Aus sanftgehügelter Plöner Gegend stammend, ist sie mit der Platte am Deich nie so recht warm geworden, und schiebt häufig eine gewisse Unzufriedenheit vor sich her wie eine Bugwelle, aber es heißt, sie mag den Rolf. Das mag sein. Immerhin sind sie seit fünf Jahren ein Paar. „Die Feriengäste bringen nichts ein, die Getreidepreise sind gesunken und die paar Liter Milch reichen übers Jahr gerade für meinen Morgenkaffee!“

„Deinen Morgenkaffee. Hmhm.“

Pia seufzt. „Du weißt doch, wie ich’s meine.“

„Ja, sicher.“

Rolf, der mit seinem Küchenstuhl gekippelt hat, besinnt sich seiner Rolle als Erbe des Hofes, setzt sich ordentlich hin, die entblößten Unterarme auf dem Tisch, die Hände übereinandergelegt. Seine Unterarme sind sehr sexy, kräftig, geädert, braungebrannt. Überhaupt ist Rolf ein ziemlich attraktiver Bursche. „Ich habe mit dem Mann einen Termin vereinbart. In zwei Wochen wissen wir mehr. Bis dahin möchte ich, dass wir Ruhe bewahren.“

„Ich mache unsere Zukunft doch nicht vom ausführenden Organ einer Bank abhängig, die nur wirtschaftliche Interessen verfolgt! Rolf, bitte, entsinne dich deiner Wurzeln, ich meine, was haben dein Vater und ich dir vorgelebt, doch nicht so was!“

„Na ja, Mutter, da kann man anderer Ansicht sein …“

„Was soll das heißen?“

„Ihr wart nicht gerade die Vorreiter der biologischen Landwirtschaft, nicht wahr? Nee, nee, ihr seid den Weg des Mammons gegangen, machen wir uns da nichts vor.“

(…) Während die Auseinandersetzung, die in ähnlicher Form schon mehrfach geführt wurde, fortgesetzt wird, erblickt ein schwarzer Kater im Stall nebenan das Licht der Welt. Zeugen dieses Ereignisses sind vier Schweine und ein paar Milchkühe, die indischen Laufenten und ein Rabe.