Goldauge – die Interviews Teil 1

Goldauge – die Interviews Teil 1

Goldauge Illustration

Wie so häufig in der Geschichte von „Goldauge“ überschneiden sich Wirklichkeit und Fiktion, wobei man nicht so genau unterscheiden kann, was was ist. So oder so: Während ich noch damit beschäftigt war, Post Nr. 8 zu schreiben, hatte sich der Protagonist des Romans bereits auf die Pfoten gemacht, um das Thema per Feldstudie näher zu beleuchten.

Es ist wieder passiert.

Ein Kalb, ein Zaun, kein Problem. Vielleicht liegt es an seinem Namen. Weil das Kalb so hübsche Sprünge vollführt, schöner und höher als jedes andere Kalb, hat Holly ihn, den Aprilgeborenen, Jumper genannt. Was erwarten Menschen bei so einem Namen? Jumper jedenfalls hat die Taufe als Auftrag verstanden und ist seitdem schon mehrfach ausgebüxt.

Holly fängt ihn in der Regel schnell wieder ein. Bei uns stört kaum ein Baum die Weitsicht, und den Mindestabstand hält man hier seit Jahrhunderten konstant auf einen Kilometer, gern mehr. Deshalb wissen wir: Entweder ist Jumper auf dem Schafshof von Azadeh Meier oder bei den alten KrügerKings.

Azadeh ist übrigens neu in der Gegend, die KrügerKings nicht. Diesmal hat Holly sein Verschwinden nicht bemerkt, sie brütet über den ersten Seiten unseres zweiten Romans, und so ist es an mir, Jumper nach Hause zu schaffen.

Kühe Foto Susanne Golnick

Frei sein – was sonst

Keine große Sache. Er ist auf dem Weg zu Azadeh. Wie oft willst du dieses Spiel noch treiben? frage ich ihn, als ich ihn einhole.
Solange, bis ich es geschafft habe, antwortet er.
Und was bitte?
Frei sein – was sonst.
Warum? Du hast es doch gut.
Das kann keine ernst gemeinte Frage sein.
Damit lässt Jumper mich stehen und setzt in großen Sprüngen zurück zu unserer Herde.

Ich trotte Jumper hinterher. Lisa, seine Mutter, sieht mich amüsiert an.
Ich: Verstehst du das?
Lisa: Aber sicher. Das versteht doch jeder. Mensch wie Tier. Solange Jumper abends wieder Zuhause ist, ist alles gut. Für mich jedenfalls.
Olivia mischt sich ein: Vor einiger Zeit ist in Erlangen ein Kalb von einem Transporter geflüchtet.
Ich: In Erlangen? Was ist das?
Olivia: Ich weiß es nicht. Der Hund von Azadeh hat das erzählt.
Ich: Und woher weiß der Hund das?
Olivia: Von dem neuen Schaf, das bei Azadeh wohnt.
Ich: Und woher weiß das Schaf das?
Olivia: Woher soll ich das wissen? Ist doch auch egal. Alle wollen frei sein.
Lisa: Ich nicht. Ich weiß, was mich da draußen erwartet.
Olivia: Mag sein, aber frei sein willst du doch. Es ist wie ein inneres Feuer, das nie verlöscht.
Lisa: Hunger, Durst, kein Stall, der dich vor Kälte und Wilderern schützt, niemand, der sich deiner schmerzenden Euter annimmt… Vielen Dank. Das löscht mein Feuer, da kannst du sicher sein. Großspurig von Freiheit reden ist leicht. Frei zu sein ist ein anderer Schnack.
Lisa widmet sich dem frischen Gras. Die Diskussion ist für sie beendet. Olivia wackelt mit den Ohren.
Ich: Willst du denn weg von uns?
Olivia: Ich bin zu alt für sowas.
Ich: Kann man fürs Freisein zu alt sein?
Olivia wendet sich brüsk ab.