Goldauge – die Interviews Teil 2

Goldauge – die Interviews Teil 2

Azadehs Hof ist nur einen Katzensprung von unserem entfernt. Ich beobachte sie, wie sie das Holzgatter um einen seltsamen gelben Zaun ergänzt. Azadeh ist nett und schön. Die Schafe liegen faul auf der Weide herum. Azadeh vergisst häufig, sie auf dem Deich grasen zu lassen. Das kommt in Overbüll nicht gut an, sagt Holly.


Während ich das neue Schaf suche, frage ich mich, ob etwas nicht zu tun auch etwas mit Freisein zu tun hat. Da ist es. Es sieht aus wie die anderen, hat aber einen anderen Blick. Als ich näher komme, lässt es sich auf den Rücken fallen.

Schaf. Foto: Susanne Golnick

Ich: Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin vom Nachbarhof.
Das Schaf: Ich bin tot.
Ich: Bist du nicht, du tust nur so.
Das Schaf: Tot.
Ich: Okay, du bist tot, aber erzähl mir kurz, woher du das mit dem Kalb weißt.
Das Schaf: Frau. Auto. Großes Auto, viele Schweine. Die haben es erzählt.
Tommi gesellt sich dazu. Das Schaf versteift sich noch mehr.
Tommi seufzt: Es hat das schutz in Herdenschutzhund noch nicht verstanden.
Ich: Was weißt du über das Kalb?
Tommi: Ich glaube, meine Gefährtin hat auf einem Rastplatz Halt gemacht und da war ein Transporter mit Schweinen und die haben es erzählt.
Ich: Gefährtin?
Tommi: Na, die Frau.
Ich: Azadeh?
Tommi: Wer denn sonst?
Ich: Dein Frauchen.
Tommi: Frauchen. Idiotisch. Als ob ich mir von einem chen, welchen Geschlechts auch immer, etwas sagen ließe. Wir sind Gefährten. Auf Augenhöhe.

Er blickt das Schaf mitfühlend an. Ich mach mich mal vom Acker.
Der riesige Hund mit dem schönst-hellen Fell schreitet majestätisch weiter.
Das Schaf äugt vorsichtig zu mir herüber.
Ich: Okay, okay, ich geh ja schon.

Ich muss mit diesem Kalb sprechen. Aber wie?
Wie bringe ich Holly dazu, sich um die Sache zu kümmern?
Ich samtpfote in ihr Büro. Sie wirft mir nur einen kurzen Blick zu.
Erlangen Erlangen Erlangen Kalb Kalb Kalb.
Erlangen Erlangen Erlangen Kalb Kalb Kalb.
Seitdem wir Seminare in Tierkommunikation erteilen, klappt das. Also manchmal.
Heute nicht.
In solchen Fällen wechsle ich von der subversiv-energetischen Manipulation Stufe 1, wie Holly das nennt, in Stufe 2.
Lautes Schnurren und Wiederholung:
Erlangen Erlangen Erlangen Kalb Kalb Kalb.
Nichts.


Okay. Dann also Stufe 3. Sprung auf den Schreibtisch, eine Pfote auf der Tastatur.

Goldauge auf dem Sofa Foto: privat

Ich weiß, ich sollte eine Pause machen, sagt sie.
Nein, du sollst dich um das Kalb kümmern, sage ich.
Komm, Schätzchen, sagt sie, nimmt mich hoch (was ich hasse) und schlendert mit mir in die Küche. Sie schüttelt die Dose mit den Käserollis und sieht mich erwartungsvoll an.
Das ist Manipulation. Ich zapple mich frei und stolziere ins Freie.
Erstmal unter den Baum und nachdenken.

Der Rabe über mir lässt ein gedehntes Na??? hören.
Ich: Was na?
Rabe: Nun, wir könnten helfen.
Ich: Und zwar wie?
Rabe: Wir hören uns mal ein bisschen um.
Weg ist er. Vogel müsste man sein. Ich verdöse den halben Tag und als es dämmert und ich mich auf die Jagd machen will, tönt es über mir: Möhrendorf. Es heißt Möhrendorf. Und das Kalb wollte gar nicht frei sein, es ist nur aus Versehen vom Transporter auf die Autobahn gefallen, weil eine Klappe nicht ordentlich zu war.
Ich: Aber dann war es doch frei.
Rabe: Nee, die Polizei hat es eingefangen. Mit einem Gürtel.
Ich: Gibt’s doch nicht. Da ist es schon frei und statt wegzulaufen, lässt es sich mit einem Gürtel bändigen?
Rabe: Tja…
Ich: Und selbst wenn es seine Flucht nicht geplant hat, muss es doch diesen Moment der Freiheit gegeben haben, wie hat der sich angefühlt, wie war das???

Rabe Lizenz Pexels pexels raven-bird-birds-bryce-canyon-87078


Rabe: Tja… Wie es sich für mich anfühlt, könnte ich dir erzählen, falls dich meine Erfahrung interessiert.
Ich: Das ist doch nicht dasselbe. Du bist frei geboren und lebst frei. Niemand kann dir deine Freiheit nehmen …
Rabe: Würde ich für den einen oder anderen unserer Gattung nicht unterschreiben, es gibt Dummköpfe unter uns, die sich domestizieren lassen, um auf die Bühne und ins Fernsehen zu kommen, zusammen mit ihren Meistern.
Ich: Führen sie Kunststücke vor?
Rabe: Die springen nicht durch Reifen, falls du das meinst, aber da wir als Boten des Jenseits gelten, ist unsere bloße Anwesenheit schon enorm beeindruckend.
Ich: Wir?
Rabe: Nun ja. Alle Raben gelten als Boten des Jenseits.
Ich: Du auch?
Rabe: ALLE RABEN.
Der Rabe verdreht die Augen und schickt sich an, seine Flügel auszubreiten.
Ich: Halt, Moment mal! Warum fliegen deine Verwandten nicht einfach davon? Sind sie angekettet? Ich meine, es gibt doch nichts Besseres, als fliegen zu können!
Rabe: Ich stimme dir zu, für mich wäre dieses Bühnendings auch nichts. Aber ein sehr, sehr, sehr weit entfernter Bekannter ließ verlauten, er habe sich aus Mitgefühl für den unbeflügelten Menschen an die Leine nehmen lassen.
Ich: Glaubst du das?
Rabe: Nö. Ich glaube, der ist einfach zu bequem für ein freies Leben.
Ich: ?
Rabe: Futter. Unterkunft. Schutz. Wird ja alles gestellt. Ist praktisch.
Ich: Sagt Lisa auch.
Der Rabe schwingt sich in die Luft. Ich sehe ihm nach, bis er nur mehr ein schwarzer Punkt am Himmel ist.

Freiheit gegen Kost und Logis.
Klingt demütigend.
Fortsetzung folgt.