Goldauge – die Interviews Teil 4

Goldauge – die Interviews Teil 4

Hier berichtet der Kater Goldauge

Fortsetzung:

Er ruft nicht an, war ja klar. Hat wahrscheinlich Angst, dass sie ihn in die Pfanne haut, um mal eine thematisch naheliegende Metapher zu verwenden.
Aber jetzt ist Hollys Reporter-Gen erwacht. Sie blickt angespannt auf den Bildschirm und klickt sich durch das, was sie immer Internet nennt. Das ist wirklich unpraktisch. Wir Tiere haben ein sehr viel effizienteres Informationssystem; einfach ins morphogenetische Feld einklinken und du weißt Bescheid. Nicht immer alle Details, aber so die grobe Richtung.
Holly: Viehgroßhändler … Schlachthöfe… Vermarktung. Boh, nee, danke. Arschgeigen.
Sie seufzt, klickt weiter.
Holly: Hier…. Penka…. Ihren Ausflug über die EU-Grenze muss die bulgarische Kuh Penka nicht mit dem Leben bezahlen. „Die Kuh wird nicht getötet werden“, sagte eine Sprecherin der bulgarischen Agentur …. Blabla….. Das Tier sollte in Bulgarien getötet werden, weil es einen Ausflug ins Nicht-EU-Land Serbien unternommen hatte… Sie blieb 15 Tage dort, bevor sie zu ihrem Besitzer aus dem nordwestbulgarischen Dorf Kopilowzi zurückgebracht wurde. Für die Zeit der tierärztlichen Untersuchung wurden die beiden wieder getrennt. Nach Laboranalysen schloss die Behörde aber tierärztliche Bedenken um eine Erkrankung der Kuh aus…. Blablabla… Ah, guck an: Tierfreunde in aller Welt, Politiker und auch der britische Ex-Beatle Paul McCartney hatten sich dafür eingesetzt, Penka am Leben zu lassen. Die britische Zeitung „Daily Telegraph“ in Brüssel startete eine Petition.

Zur positiven Nachricht sagte EU-Kommissionssprecher Margaritis Schinas: „Lang lebe Penka, die Kuh! Die Europäische Union zu verlassen und dann zurückzukommen, das ist ok.“ Gefragt hatte ein Reporter aus Großbritannien… Sehr witzig. „Was meinst du“, wendet sie sich unvermittelt an mich, „wie mag es ihr wohl gehen? Und dem Kalb? Kannst du nicht mal mit ihr sprechen?“
Ich gähne und strecke mich, um vorzugeben, nicht interessiert zu sein. Tatsächlich bin ich elektrisiert: Soeben habe ich von meiner Gefährtin einen Freifahrtschein für einen Ausflug – oder sagen wir: mehrere Ausflüge erhalten.

Auf dem Weg nach draußen wende ich mich noch einmal um:
„Ich bin dann mal weg.
Mach dir keine Sorgen.
Ich komm wieder, keine Frage“ (um einen unserer berühmtesten, wenngleich rosafarbenen Vertreter zu zitieren).

Eine unsanfte Landung

Rabe Lizenz Pexels pexels raven-bird-birds-bryce-canyon-87078

Ich erwische den Raben, als er sich anschickt, die indischen Laufenten zu ärgern. Mobbing unter Hoftieren ist nicht so selten, wie Mensch denkt.
Ich: „Hey, stop mal. Kannst du mich nach Möhrendorf und Bulgarien fliegen?“
Der Rabe: „Sicher. Ich bin ja für jedemann ersichtlich ein Zugvogel, eine Wildgans, ein Storch, such es dir aus… NEIN!“
Ich: „Warum nicht? Es wäre nett, mal was anderes.“
Der Rabe: „Hm.“
Ich: „Ach, komm, sag ja. Hier ist es doch öde. Immer derselbe Deich.“
Er sieht mich abschätzig an: „Du bist zwar eine halbe Portion, Kleiner, aber satt werden willst du auch. Bloß unterwegs wird es keinen Dosenöffner für dich geben…“
Ich (hoheitsvoll): „Ich bin sehr wohl in der Lage, die für mein Wohlergehen erforderlichen Proteine durch geschickte Jagd auf Mäuse, Vögel, Kleinsäuger und Insekten…“
Der Rabe: „Quatsch. Du jagst bloß für die Show. Ich hingegen bin stets gezwungen, für mich zu sorgen. Fände mich jemand niedlich, bereitete er mir gewiss täglich ein Büffet aus Insekten, Würmern, Raupen, Spinnen, Kröten, Fröschen, Schlangen, Eidechsen…“
Ich: „Bäh!“
Der Rabe: „… Mäusen, Ratten, Spitzmäusen, Kaninchen, Vögeln und Aas…“
Ich: „Okay, okay, ich verstehe. Du willst nicht.“
Der Rabe: „Korrekt.“
Ich wende mich ab, ihm einen letzten Blick schenkend, in dem steht: Du armer Tropf, weißt nicht, was du verpasst. Schade, schade.

Die unstillbare Neugierde, die jeden Raben, vor allem aber ihn, auszeichnet und – so heißt es, obwohl ICH, was ihn anbelangt, nicht davon überzeugt bin – zu kognitiven Fähigkeiten ermächtigt, die unter Tieren – und ich setze hinzu: auch unter Menschen – ihresgleichen suchen, veranlasst ihn, mich mit einer simplen Frage aufhalten zu wollen: Wozu denn auch?
Nee, alter Junge, so billig kommst du mir nicht davon.
Ich stolziere unbeirrt weiter, er hinterher. „Tut mir Leid, Kleiner. Eh Mann, du kennst mich doch, harte Schale…“
Ich: „… harter Kern…“
Der Rabe breitet die Flügel aus: „Also schön, auf geht’s!“
Sein Griff tut weh, wir heben ab, fünf Sekunden in der Luft, dann fallen wir wie ein Stein auf die Wiese.

Fortsetzung folgt.