Goldauge und Terence, der Truthahn – doch noch ein Interview

Goldauge und Terence, der Truthahn – doch noch ein Interview

Es folgt doch noch ein Interview von dem Kater Goldauge mit geflüchteten, getürmten, ausgebüxten Tieren.

Diesmal mit Terence, dem Truthan

Wenn meine Wenigkeit etwas dazu sagen dürfte…
Ich: Wer spricht?
Terence.
Ich: Terence?
Der Truthahn!
Ich: Ja? (Subtext: Und?)
Nun, ich bin weiland aus einer Zuchtfarm geflüchtet und in einem Eulenschutzpark gelandet.
Ich: Ach was!
Die Sache habe ich gut vorbereitet. Nachdem mir klargeworden war, welchen elementaren Teil des Daseins Menschen sich herausgenommen haben, mir vorzuenthalten, doch nicht nur das: mich aufzuziehen, um es mir vorzuenthalten mit dem einzigen Ziel, mich zu mästen, bis ich vor lauter Brustfleisch kaum noch laufen kann, und mich dann umzubringen und als Weihnachtsbraten zu verkaufen, beschloss ich:

OHNE MICH! Mästet euch selbst.

Truthahn-Foto von ASHISH SHARMA/Pexels

Schlachtet euch selbst! F… euch!
Ich: Das denken viele, doch es bleibt bei dem Gedanken… (Olivia kommt mir in den Sinn.)
Bei mir nicht. Nachdem ich vergeblich versucht hatte, meine Artgenossen von der Idee einer Revolte zu überzeugen, habe ich einen Plan geschmiedet.
Ich: Warum wollten die anderen denn nicht mitmachen?
Tja. Warum wohl nicht? Die einen, des fortgeschrittenen Brustfleischgewichts wegen zu unbeweglich, die anderen in der Komfortzone hockend, die zwar den sicheren Tod bedeutet, doch fürs erste wenigstens satt macht, und allesamt zu faul, um zu trainieren.
Ich: Trainieren?
Gewiss. Um einen zehn Meter hohen Sicherheitszaun zu überwinden, musst du fit sein. Wir können zwar fliegen, ja, aber fast aus dem Stand – Anlauf ist ja in diesen Gehegen nicht – Höhe zu erreichen, ist ambitioniert.
Ich: Wenn es sowenig Platz gab, wie hast du denn dann trainiert?
So oft es ging: Flügel schlagen, herumlaufen. Und Intervallfasten. Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, galt es, sich beim Füttern ein bisschen aufzublähen, um dicker zu erscheinen, allerdings nicht zu sehr, um nicht schlachtreif zu erscheinen, und ganz normal zu picken, die Hälfte der Körner und der Chemiepampe jedoch im Schnabel zu bunkern und unauffällig auszuspucken und sich bei all dem natürlich nichts anmerken zu lassen.

Außerdem galt es, herauszufinden, wohin ich mich nach geglückter Flucht wende.
Ich: Hattest du keine Zweifel?
Anfangs schon, der Plan war ja durchaus riskant. Ich hätte gegen den Zaun knallen, mich verletzen und sogar sterben können. Doch mir erschien, das größere Risiko wäre gewesen, nicht zu versuchen, meinen Plan zu verwirklichen und lieber in Gefangenschaft zu verharren. So nahm ich meinen Mut zusammen und überwand den Zaun. Danach bin ich durch Felder und Wiesen gelaufen, über eine Autobahn und habe mich vor der Eulenschutzstation postiert, bis man auf mich aufmerksam wurde und mir Asyl gewährte.
Ich: Du hast Glück gehabt.
Nein, ich glaube, dass es Tieren wie mir bestimmt ist, die Sache duchzuziehen, auf gute Mächte und deren perfekte Orchestrierung des Geschehens vertrauend.
Ich: Und wir, die wir zu doof, zu träge, zu ängstlich sind, um abzuhauen, bilden das tierische Prekariat, oder was?
Beruhig dich, Schatz. Wir erledigen bloß den Job, die Menschen drauf zu stoßen, dass wir Tiere ein ebensolches Recht auf Freiheit haben wie sie selbst.
Ich: Das setzt voraus, dass der Mensch ein Bewusstsein für sein Recht auf Freiheit hat.
Hat er?

Darauf wissen wir jetzt nichts zu sagen und schweigen uns an.

Schließlich verabreden wir uns für den nächsten Tag. Die beiden sichern zu, das Feld nach weiteren Fällen zu scannen, und während ich zurück zum Haus trotte, verfolgt mich ein Wort, das ich bis eben noch nie gehört habe:

Nutzmenschen.

Was oder wer mag das sein?

Truthahn-Foto von ASHISH SHARMA/Pexels