Ist meine Holly ein Nutzmensch?

Ist meine Holly ein Nutzmensch?

Fortsetzung vom Post zu Terence, dem Truthahn

Nutzmensch…

Während ich darüber nachdenke, schlendere ich zurück ins Haus und zu Holly, die immer noch wie festgetackert am Schreibtisch sitzt…

„Ist ja super“, murmelt sie. Sieht mich an und sagt: „Guck mal. Das Foto darf ich veröffentlichen.“

Mit einem eleganten Satz bin ich bei ihr und erblicke auf diesem Ding, das sie Äpfelchen nennt, eine braunweiße Kuh, die neben einem Lehnstuhl, einer Tulpe mit Schirm und einem Tisch mit Büchern und ganz viel Holz an den Wänden liegt.

Ich: „So einen Stall hat keine Kuh auf der Welt, nirgends.“

Holly: „Ist ein Wohnzimmer.“

Ein Wohnzimmer. Okay. Hm. Die Kuh ähnelt unserer Olivia, hat aber einen anderen Gesichtsausdruck.

Sieht mit Genugtuung in die Kamera. Olivia guckt manchmal etwas trübsinnig aus dem Fell. Aber diese da hatte definitiv einen Plan und hat ihn in die Tat umgesetzt. Cool.

Aber warum? Was wollte sie in diesem Wohnzimmer mit der Tulpe, die einen Schirm aufhat? Und wie hat der Mensch, der da wohnt, reagiert, als es passierte? Wohnt da überhaupt jemand? Vielleicht ein Nutzmensch, der einer Kuh erlaubt, das Zimmer zu nutzen?

Nein, das kann nicht sein. Dann müsste es ja Nutzwohnzimmer heißen. Oder?

Kuh-im-Wohnzimmer-©-Polizei-Bad-Segeberg
©Polizei-Bad-Segeberg

Holly murmelt: Die Bewohnerin war wohl nicht daheim.
Ich: Wohnt die Kuh denn da immer?
Holly liest vor, was auf dem Äpfelchen zu sehen ist: Angeblich ist sie von einer Weide ausgebüxt, hat sich beim Trip durch den Ort in einer Fensterscheibe gespiegelt, dieses Bild als Feind interpretiert und ist auf ihn losgegangen. Geradewegs durch die Scheibe ins Wohnzimmer.
Ich: Schon klar.
Holly: Du brauchst gar nicht mit den Augen zu rollen…

Kühe sind nicht so

Mal ehrlich, warum hätte sie, kaum dass sie eine Artgenossin erblickt, sofort auf die losgehen sollen? Kühe sind Herdentiere, da wird toleriert und akzeptiert, und wenn eine so aussieht wie man selbst, ist das doch eher ein Grund zur friedlichen Ko-Existenz. Nee, diese Interpretation ist eine menschliche. Wer das gesagt hat, käut bloß den alten Darwin wieder und wieder und wieder.

Ich gebe Holly Köpfchen – sie kann ja nichts dafür – und rolle mich zu einem Schläfchen auf dem künstlichen Fell zusammen, das sie extra für mich, damit ich es warm habe, auf dem Schreibtisch drapiert hat. Ein Schläfchen kommt mir gerade recht. Das sonnendurchflutete Große-Katze-Traum-Land mit den mächtigen Pyramiden und den prall gefüllten Kornkammern ist schon in Sichtweite, da holt mich eine Stimme mit echt genervtem Unterton zurück ins Hier und Jetzt.

Hattest Du einen Plan?

„Zwei Spritzen haben sie auf mich abgefeuert! Zwei! Ha! Lächerlich. Bin sofort ins Freie und habe Hufgas gegeben, zack mit einem Sprung über den nächsten Zaun. Blöderweise wirkte der Mist dann wohl doch. Bin im Gebüsch eingeschlafen. Als ich wach wurde, war ich wieder daheim.“

Es dauert zwei Sekunden, bis ich begreife, wer sich da via morphogenetischem Feld zu Wort meldet.
Ich: Die sagen, du hättest dich erschreckt und wärest deshalb durch die Scheibe gesprungen.
Die Kuh lacht und es klingt nach vollem Euter, so ein richtig rollendes, nährendes Gelächter, sie kriegt sich gar nicht wieder ein.
Ich: Nun sag schon, hattest du einen Plan?
Die Kuh: Also, das war so…

Fortsetzung folgt am kommenden Sonntag.

Übrigens: Das ist der Kuh im Wohnzimmer ist nicht ausgedacht – nachlesen