Dithmarschen – das letzte Abenteuer Europas. Auch für Rinder

Dithmarschen – das letzte Abenteuer Europas. Auch für Rinder

Flüchtige Kühe – Gespräch mit dem Biobauern Jan Groth (Teil 1)

Wir sitzen bei Kaffee und Kuchen mitten im dithmarscher Schülp auf dem Groth-Hof. 6000 Tonnen Gemüse jährlich, ein Bioland-Betrieb der ersten Stunde, ein Mann, der eine klare Vision hatte und sie Schritt für Schritt umsetzte hin zu einem erfolgreichen Direktvermarktungsbetrieb. Die mediale Popularität hätte es dabei vermutlich nicht gebraucht, aber zwei sehr besondere Rotbunte dachten sich: Schaden kann’s nicht – und legten los…

Kühe auf der Weise beim Weiden Foto: Susanne Golnick

Der lange Ausflug der Kühe

Für die einen ein klarer Fall von morphogenetischem Feld und einem im Lebensplan der Tiere verankerten Plan, für die anderen eine genetische Disposition, wobei das eine das andere nicht ausschließt…

Jan Groth erzählt, so lebendig, als wäre es gestern gewesen:
„Die Tierhaltung hatten wir vor der Umstellung auf Bio schon aufgegeben, aber vier Rinder sollten es noch sein, für die Hausweide, und so kaufte ich von der Geest vier Rinder von einer Gruppe von 14, ein Jahr alt. Das haben wir immer so gemacht, Halbmastvieh, auf den Weiden gemästet und wenn sie fett waren nach einer Saison haben wir sie eingefangen und verkauft. Das war immer ein Riesenaufwand… Die liefen ja frei und grästen und hatten keinen Kontakt zu Menschen. Dafür gibt es den Treibewagen, der hat so ein Gitter, das wird an der Seite aufgestellt, dann haben wir die Tiere um die Seite getrieben, liefen sie rein, haben wir hinten geschlossen, die waren gefangen, ab in den Anhänger, ausgeliefert. Fertig. Damit hatten wir ja Erfahrung.

Dann kam der Herbst.
Tja, und bei den beiden kamen wir gar nicht erst in die Nähe, die sahen uns, Schwanz in die Luft und weg waren sie. Zwei haben wir gekriegt, zwei nicht, die sind einer hinter dem anderen übern Zaun gesprungen, vorne aufs Feld und weg! Das war im Dezember, Frostzeiten. Wir dachten, warten wir mal ab, das ist auch so üblich, wenn es kälter und ungemütlicher wird, lassen sie sich leichter einfangen… War hier aber nicht so!

Bauer Groth Foto: Karin Stahlhut

Erste Maßnahme: Der Tierarzt soll ran!

Mit dem Betäubungsgewehr im Anschlag. Langsames Anpirschen. Hat nicht funktioniert. Als die Dunkelheit anbrach, haben wir abgebrochen.
Nächster Tag: Die Rinder sind verschwunden!
Mit dem Auto alles abgesucht, man kann hier ja weit gucken, aber von den Tieren nichts zu sehen.
Zweiter Tag: Tauwetter. Mein Vater hat sie in einer Senke gefunden, drei Kilometer weit weg, Bäume und Büsche, da hatten sie sich versteckt. Mein Vater brachte dann jeden Tag Heu hin, um sie anzufüttern. Das ging eine ganze Weile so.
Tage später: Polizeistation Heide meldet, zwei Rinder seien in der Nähe der Kreisstadt aufgetaucht! 20 km entfernt! Anhand der Ohrmarken habe ich sie erkannt. Neuer Anlauf, Treibewagen klar gemacht, los zur Weide bei Heide, da können wir sie kriegen.

Die Idee: Müde machen!

Mit ’nem altem Auto sind wir über die Felder, wegen dem Frost ging das. Den Treibewagen haben wir vorbereitet und sie in die Nähe getrieben, fast hätte es geklappt, die waren müde, aber dann: Schwanz in die Luft, im Sprung über die Gitter des Treibewagens weg und zack über die Felder davon Richtung Schülp. Immer im Trab, von wegen müde… einen Feldweg entlang.
Der Plan: Am Ende des Feldwegs den Treibewagen aufstellen!

Mein Mitarbeiter mit dem Treibewagen los, aber die Kühe rannten, schneller als mein Mitarbeiter fahren konnte. Gut, dachten wir, lass die mal zum Hafen Tönning laufen, da ist alles eingezäunt, da kriegen wir sie! Die sind dann auch über den Deich zum Hafenkoog, in eine hoch eingezäunte Sackgasse mit einem Tor am Ende. Tja, als die mitkriegten, dass wir da rumliefen, sind die über das Tor gesprungen.

Dann waren sie im Eidervorland. 18 Grad minus, alles überfroren, wir mit dem Trecker hinterher, bis zu den Prielen, dann zu Fuß weiter, war ja Ebbe, die Tiere liefen zum Watt Richtung Tönning.

Ab in die Eider

Wir waren ungefähr einen Kilometer entfernt, wir konnten sie sehen, die liefen zur Eider, zur Kante, die zehn Meter tief war und dann spritzte das Wasser, die waren in die Eider gesprungen! Mensch, sagten wir, jetzt gehen sie in die Eiderabdämmung… das war’s, die gehen in die Nordsee.

Von guten Mächten wunderbar geleitet

Doch die Strömung spülte sie an eine flachere Stelle, da sind sie hochgekrabbelt und standen bis zum Bauch im Schlick.
Wir sind dann erst mal zum Mittagessen, dann um 12 wieder los zur anderen Seite des Eidersperrwerks Richtung Katinger Watt mit Trecker, Treibewagen und Auto, wir sahen sie, an selber Stelle stehend, immer noch im Schlick.

Wir sind durchs Watt gestiefelt, aber dann kam die Flut, und wir brachen ab, weil es zu gefährlich wurde. Am nächsten ist mein Vater wieder hin und was war?


Fortsetzung folgt in einer Woche