Flüchtige Kühe (2): Die Zwei – auf der Flucht

Flüchtige Kühe (2): Die Zwei – auf der Flucht

Bauer Groth Foto: Karin Stahlhut

Jan Groth erzählt weiter

Und was war?

Die hatten sich rausgewühlt und liefen im Vorland! Und was wir dann auch unternahmen, um sie einzufangen – es war vergeblich. Ich habe den NaBu angerufen, um zu erfragen, ob ich die beiden da laufen lassen kann. Die Antwort war: Nein, das ist Naturschutzgebiet. Schieß sie tot! Dann habe ich beim Amt für ländliche Räume angerufen, der NaBu war nämlich gar nicht zuständig, und die waren dann einverstanden.

Hilfe von Profis…

Inzwischen hatte es sich rumgeschnackt, dass ich meine Tiere nicht zu packen kriege, und ein Tierhändler fragte, ob er das machen solle und was er dafür bekäme. Ein Tier für dich, wenn’s gelingt, habe ich gesagt. Der dann mit Pferden, Reitern, Autos und viel Erfahrung los. Abends um sechs rief er an. Nachdem er sie einmal bis Garding und durch Eiderstedt getrieben hatte, musste er aufgeben.

Mittlerweile war es Januar

Wir waren im Restaurant und wollten gerade essen, da rief die Polizei Tönning an: Die Tiere laufen durch die Stadt. Schieß‘ sie tot, sag ich.
Das geht nicht, sagten die. Mitten im Ort!
Gut, sag ich, ich komm. Ich hab dann erst mal gegessen. Dann rief die Polizei wieder an und meinte, die sind jetzt raus aus dem Ort und in den Wald.
Inzwischen hatte die Presse das mitgekriegt.

Bild, Bauernblatt, dpa, DLZ und dann rief RTL an.

Als das Fernsehteam ankam, war kein Tier weit und breit zu entdecken, die haben dann noch Spaziergänger interviewt, die haben aber auch nichts gesehen, und die RTL-Leute wollten mir die Sache schon gar nicht mehr glauben, aber wir sind dann ins Vorland gelaufen und haben die beiden in einer Mulde entdeckt, ganz versteckt… das haben die dann gefilmt, war ja nicht so spektakulär.
Langsam wurde es Frühjahr und ich fragte den ansässigen Landwirt, ob meine Tiere den Sommer über bei ihm mitlaufen können, gegen Weidegeld, dann sind sie wenigstens untergebracht.

Kühe auf der Wiese Foto Elke Launert
Foto Elke Launert

Dann kam der Herbst.

Ich musste mir langsam Gedanken machen…
Wir haben sie dann erstmal angefüttert, jeden Morgen einen Ballen Heu hingelegt und den Treibewagen in die Weide gestellt. Mein Vater hat ein Seil am Gitter befestigt und sich hinterm Deich versteckt. Der Plan: Sobald die Kühe drin sind, zieht er das Gitter runter. Er hat das so gebaut, dass es zuschnappte. Außerdem haben wir Metallstangen rundherum so schräg angebracht und mit Weidezaun gesichert, dass die nicht womöglich unter durch krabbeln. Aber die waren ja schlau, haben nachts gefressen, morgens war das Heu weg. Und die Tiere auch.

Doch eines schönen Tages war ein Rind in die Falle gegangen!

Wenigstens eins, dachten wir.
Am nächsten Tag mit dem Trecker hin und was war? Das Rind war abgehauen! Hat Anlauf genommen, der Treibewagen war sechs sieben Meter lang und 2,50 breit, und ist über das zwei Meter hohe Gitter rüber!
Daraufhin habe ich den Tierarzt gebeten, es doch nochmal mit einem Betäubungsschuss zu probieren. Wieviel? Fragte der. Ich sag: Volle Dröhnung, sonst geht’s nicht. Der hat sich dann langsam rangepirscht, ganz in Ruhe, zwei, drei Stunden, bis er in der richtigen Schussposition war. Dann: Volltreffer!
Wir müssten nur noch warten, bis die Betäubung wirkt. Nach einer Stunde sind wir mit Trecker und Treibewagen in die Richtung… Aber der Betäubte lief hinter dem nicht Betäubten her, und zwar schnell! Der Grund: Wird das Tier unruhig, produziert der Organismus Stresshormone, und die wirken der Betäubung entgegen.
Also wieder nichts.

Der nächste Winter stand vor der Tür.

Und so lang die Geschichte währte, so fix ging sie mit einem Mal zuende.
Ich bat den Bauern, auf dessen Weideland sie standen: Wenn du deine Kühe holst, dann nimm meine man mit.
Jo, sagte der. Ich ruf dich an…
Am nächsten Tag standen die beiden berühmten Rinder tatsächlich im Stall, angebunden und durch das viele Laufen und Davonsprinten so mager, dass mit denen kein Rahm zu gewinnen war.
Dann füttere sie man fett, hab ich gesagt. Inzwischen riefen schon dauernd Kunden an und wollten wildes Fleisch kaufen! Wilde Rinder eben.

Und so geschah es.

Für die Tiere hieß es im wahrsten Sinn des Wortes Ende Gelände.
Für Jan Groth war es der Beginn des Direktmarketings.

Jan Groth: Ich hab dann nochmal beim Ursprungshändler nachgefragt, wie denn die anderen acht waren. Der hat bloß gesagt: Lot mi bloss in Roh! Die waren alle so, die ganze Partie!

Und in fünfzig Jahren…

Das alles trug sich anno 2001 zu und irgendwo mag man sich auch über die anderen Acht Geschichten erzählen, vielleicht.
Sicher – oder ziemlich sicher – ist jedoch, dass diese zwei in, sagen wir, fünfzig Jahren, wenn das Leben in der Dualität vom Sein in der Mahatma-Energie abgelöst ist, und Menschen und Tiere sich am Lagerfeuer Märchen und Legenden aus jener grauen Vorzeit erzählen werden, zum Kanon standhafter Wesen gehören werden.
Vielleicht haben die Zwei dann auch Namen verliehen bekommen, ihrer Heldenreise entsprechend vielleicht Odysseus und Homer, vielleicht wird auch ein neues Sternbild entdeckt, eine Ergänzung zum Stier: dithmarscher Rinder. Unter diesem Sternbild Geborene sind mutig, nonkonformistisch, hart im Nehmen, wetterfest, clever, entwickeln in der Not Superkräfte und geben niemals auf.
Es gibt Schlimmeres.

Zu Teil 1 des Interviews

Mehr über Jan Groth und den Groth-Hof auf deren Webseite