Von langem Huf geplant – 15 Bullen auf Wanderschaft

Von langem Huf geplant – 15 Bullen auf Wanderschaft

Kater Goldauge interviewt die Bullen von der A23

Die Autobahn 23 bei Schenefeld im Kreis Steinburg ist in der Regel mittelprächtig spektakulär. Tagsüber brausen viele Richtung Hamburg, andere nehmen hier die Ausfahrt, um im Outlet Neumünster auf Schnäppchenjagd zu gehen. Nachts ist jedoch wenig los, es herrscht halbtote bis tote Hose.

Das sollte sich in der Nacht vom 9. Juni ändern.

Denn in dieser Nacht beschloss eine Rinderherde, ihre Weide zu verlassen und mal zu schauen, was so geht auf der A23 Richtung Norden. Fünf Kilometer sind die Tiere unbehelligt unterwegs, als ein Autofahrer sie erblickt und der Polizei meldet.

Goldauge auf der Treppe Foto: privat

Wir haben erstmal gedacht, das wäre ein Witz

Niklas Schulz von der Autobahnpolizei Elmshorn berichtet: „Wir haben erstmal gedacht, das wäre ein Witz. Vielleicht handelte es sich ja doch nur um ein Reh, oder ein anderes einzelnes Tier, aber als wir dann hinfuhren und die ganze Herde da stand, war das schon ziemlich überraschend.“ Und auch nicht so ganz ungefährlich. Denn die Truppe bestand nicht aus friedfertigen Kühen, sondern aus 15 Färsen, das sind kleinere Bullen. „Mit 1,60 Meter Stehhöhe“, so Niklas Schulz. „Nicht furchteinflößend, aber man hat Respekt vor den Tieren.“

Die Beamten sicherten die Rinder erstmal ab und begleiteten sie zum Nord-Ostsee-Kanal.

„Dahinter bildeten einige Schwertransporter einen guten Puffer, sonst wäre da noch einer reingefahren.“ Trotzdem wurden beide Fahrtrichtungen zwischen den Anschlussstellen Schenefeld und Schafstedt über mehrere Stunden gesperrt. Die Gefahr sei zu groß gewesen, dass die Tiere durch die Autos erschreckt werden und über die Gegenfahrbahn laufen, so die Polizei.

Mit Unterstützung von freiwillig helfenden Landwirten konnten die Tiere schließlich auf einen Parkplatz getrieben werden.
Mittlerweile sind die Bullen wieder Zuhause.

Und bis jetzt hat Holly sich jeden Joke verkniffen, die Bullen mit den B…, nein, das schreibt sie nicht. Sie möchte ein seriöses Interview mit dem Menschen führen, von dessen Weide die Bullen abgehauen sind, vulgo: Besitzer. Über einen Kontakt und noch einen und noch einen …

Mir dauert das zu lange.

Wie ihr wisst, sind Menschen wie Tiere imstande, über das morphogenetische Feld Kontakt aufzunehmen, und so funke ich heute doch mal die Bullen an :-))

Rinderherde auf der Autobahn bei Nacht Foto von Florian Sprenger WKN
Foto © Florian Sprenger WKN

Ich: Hey, hallo, ich bin…
Bulle 1: Wir wissen, wer du bist.
Bulle 2: Wir haben uns auf das Interview vorbereitet.
Bulle 3: Was?Wo?Wer?Wann?Wie?Warum? Können wir alles beantworten.
Ich: Na, die ersten W-Fragen sind ja bereits bekannt. 15 Bullen, A23 bei Schenefeld, nachts. Das Wie und das Warum interessieren mich.
Bulle 4: Zum Wie nehmen wir wie folgt Stellung. Mithilfe einer Nicht-Rinder-Existenz, die nicht genannt werden will, um nicht Gefahr zu laufen, bestraft zu werden…
Bulle 5: … angezeigt…
Bulle 4: ….. oder angezeigt… haben wir eine Möglichkeit gefunden, die Begrenzungen, denen wir ausgesetzt sind, zu überwinden.
Ich: Eine Nicht-Rinder-Existenz?
Bulle 4: Genau.
Bulle 5: Wir möchten uns nicht weiter dazu äußern. Bleibt ein Geheimnis. Wenn wir es lüften, müssen wir uns beim nächsten Mal etwas anderes ausdenken. Wär ja blöd.
Ich: Ihr plant also ein nächstes Mal?
Bulle 6: Vielleicht.
Ich: Könntet ihr mir dann wenigstens erzählen, ob es eine spontane Idee war oder von langem Huf geplant?
Bulle 7: Sagen wir, es hat sich so aufgebaut. Stell dir vor, du bist jung, in dir wallen gewisse Gefühle auf, deine Energie macht dich zum Superbullen – und du stehst auf einer Weide. Und stehst und stehst. Voll öde.
Bulle 8: Vor allem ging es uns aber um ein klares Statement. Wir akzeptieren keine Grenzen mehr. Wir sind freie Geschöpfe.

Bulle küsst Polizeiauto Foto von Florian Sprenger WKN
Foto © Florian Sprenger WKN

Bulle 9: E basta.
Ich: Italiano?
Bulle 10: Nö. Er mag das dolce vita da unten.
Bulle 11: Als uns allen klar war, dass es Zeit wurde in die Hufe zu kommen, haben wir im Kollektiv beschlossen, das Risiko einzugehen.
Ich: Im Kollektiv?
Bulle 12: Sicher. Wie denn sonst. Wir brauchen keine Anführer. Jeder trägt etwas zum Gelingen der Angelegenheit bei.
Ich: Hattet ihr ein Ziel?
Bulle 13: Jepp!
Stille.
Ich (leicht genervt): Möchtet ihr das mit mir teilen?
Bulle 14: Hmhm. Nein.
Bulle 15: Doch. Hatten wir doch beschlossen, Mann.
Bulle 14: Weiß ich. Ist aber doof. Geben wir das preis, wissen die sofort Bescheid, in welcher Richtung sie uns nächstes Mal suchen müssen.
Ich: Ist ja was dran.
Stille.
Ich: Egal, welches Ziel ihr hattet. Oder habt. Wovon wollt ihr euch unterwegs ernähren? Seid ihr sicher, am Ziel willkommen zu sein? Werdet ihr dort ernährt? Erhaltet ein Dach überm Kopf? Dürft ihr mit Gefährtinnen zusammen sein?
Bulle 15: Also gut, du Nervensäge. Ja, das alles ist quasi in trockenen Tüchern. Geplant ist einige Zeit auf Wanderschaft zu sein und von mitfühlenden menschlichen Wesen, die unseren Weg kreuzen, versorgt zu werden, bis wir unser Ziel erreicht haben. Auf den vielen, vielen Kilometern, die wir gehen und gehen und gehen, werden wir von Menschen begleitet, die uns filmen, eine Welle der Solidarität wird aufbranden, viele Menschen und Tiere werden sich uns anschließen – und dann wird nichts mehr so sein wie es war. Möge niemand der Illusion anheimfallen, wir – und damit meine ich uns Tiere, aber auch die Menschen – wir seien aufzuhalten.
Bulle 1: To whom it may concern: ES IST VORBEI.
Ich: Und das Ziel…?
Alle Bullen unisono: GEHEIM!
Nachdenklich lande ich nach diesem Gespräch wieder im Hier und Jetzt. Welche Ziele mit paradiesischen Zuständen könnte es für Tiere geben?