Immer Schaf ist öde – ein Goldauge-Interview

Immer Schaf ist öde – ein Goldauge-Interview

Während ich über unseren Hof streife und die Worte der Rinderbande ventiliere, komme ich an dem seltsamen gelben Zaun vorbei, den Azadeh gesetzt hat. Für mich natürlich kein nennenswertes Hindernis. Geschmeidiger als ein Limbo-Tänzer schlüpfe ich unter dem Plastikzeugs hindurch und geselle mich zu der Schaf-Combo, die sich gerade halblaut mähend über eine Geschichte austauscht, die in Oberbayern für Aufsehen sorgt. Also – bei den Menschen.

3 Schafe als Scherenschnitt aus Eisen, rostig, im heidartigen Gelände Foto: Karin Stahlhut

Schaf bevorzugt die Gesellschaft von Pferden

Schaf 1: Verstehe nicht, warum die so darauf abfahren. Ist doch üblich, mal das Revier zu wechseln. Wenn Schaf kann.
Schaf 2: Wenn Schaf kann. Und kein Scheißzaun es hindert.
Ich: Worum geht’s denn?
Schaf 3: Um ein Kamerunschaf.
Ich: Und?
Schaf 4: Bevorzugt die Gesellschaft von Pferden.
Ich: Na und?

Schaf 1: Für die Menschen ist das was Besonderes. Die eigene Sippe zu verlassen, um Teil einer anderen zu sein – ist ja ein Ding! (Lautes Mähen) Also für Menschen.
Schaf 2: Hihi, da werden Menschen befragt, die Verhaltenswissenschaft betreiben.
Schaf 3: Und Psychologie.
Schaf 4: Etcetera pp.
Schaf 1: Und ihm wird unterstellt, dass es ein Pferd sein möchte.
Schaf 2: Als ob davon die Rede sein könnte.
Ich: Nicht?
Schaf 3: Nun, obschon es hässliche Redewendungen gibt, die unterstellen, wir Schafe seien dumm, wissen wir – und wer über Augen und Ohren und andere Sinneskanäle verfügt und sieht, hört und kapiert ebenso! – wie intelligent wir sind. Dass wir komplexe Aufgaben bewältigen und uns Gesichter merken und diese auf Fotos erkennen können.
Schaf 4: Selbst wenn diese aus einem anderen Winkel zu sehen sind.
Schaf 1: Eine Fähigkeit, die wir im täglichen Dasein indes selten einsetzen müssen.
Ich: Wir Tiere bezweifeln ja auch nicht eure Intelligenz. Das macht nur der Mensch. Was indes mehr über ihn aussagt, als über euch. Jedoch gestattet mir die Frage: Was hat eure Intelligenz mit diesem Kamerunschaf zu tun?
Schaf 2: Wenn ich ein Pferd bin, hat der Wolf kein Intereesse an mir.
Ich: Es ist aber doch ein Schaf…
Schaf 3: Schon, aber wenn es inmitten einer Pferdeherde steht, wird der Wolf nicht angreifen.
Ich: Ach so. Clever! Es tut nur so, als wäre es ein Pferd, um sich zu schützen.
Schaf 4: Eine Schutzmaßnahme, die der Mensch noch nicht diskutiert hat. Heterogene Gruppen als Schutz vor Übergriffen.
Schaf 1: In der Gleichmacherei liegen eben weder Schutz noch Segen.

Wer sich mit mir anlegt, hat schon verloren

Ich: Hm. Was ist dann mit euch? Ich sehe hier nur Schafe.
Schaf 2: Vergiss ihn nicht…
Schon eilt er herbei. Tommi, dieser große, starke, hellfellige Riesenhund, den seine menschliche Gefährtin Azadeh als Welpe mit den Schafen aufgezogen hat und der die Wolltruppe als seine Familie liebt und beschützt, Gefahren eigenständig einschätzt und für Wölfe wie andere Beutegreifer ein echtes Hindernis darstellt.
Tommi: Wer sich mit mir anlegt, hat schon verloren.
Schaf 1: Er ist der Grund, weshalb haben wir keine Veranlassung haben, das Revier zu wechseln. Oder von mir aus auch die Identität.
Schaf 2: Es sei denn, wir haben Lust auf ein bisschen Abwechslung im Dasein. Immer Schaf ist ja auch öde. So wie Menschen im Fasching andere Rollen spielen, würden wir es auch gerne öfter mal austesten, wenn mensch uns ließe.

Aller Augen richten sich auf den seltsamen gelben Zaun.
Schaf 3: Der Mensch setzt uns halt Grenzen, weil er sich selbst eingrenzt.
Schaf 4: Arm dran.
Schaf 1: Um es mit Mahatma Gandhi zu formulieren: Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt.
Die Schafe, Tommi und ich: Tja…

1 Schaf als Scherenschnitt aus Eisen, rostig, Foto: Karin Stahlhut

Leute, jetzt kommt mal wieder zu Verstand!
Ruft das Schaf, das vor drei Monaten Angst vor Tommi hatte (im Folgenden der Kürze wegen als das Schaf, dvdMAvTh, bezeichnet), energisch dazwischen.
Das Schaf, dvdMAvTh: Was soll das denn werden, wenn alle Tiere machen könnten, was sie wollten? Chaos! Anarchie!
Schaf 2: Ach, Quatsch. Ich für meinen Teil würde halt mal ein wenig umherschauen, am besten in der Stadt und tagsüber, da bräuchte ich keine Angst vor Wölfen zu haben.
Schaf 3: Ich würde mal Wattlaufen gehen. Obwohl, nee.
Schaf 4: Ich würde … ach, ich weiß nicht, einfach mal so herumstreifen. Dann wieder nach Hause kommen. Freisein.
Schaf 1: Ja, genau, und frei zu sein heißt ja nicht, die tollen Sachen machen zu müssen. Sondern selbst darüber zu entscheiden, was für einen dran ist.

Schaf 2: Es geht ums Gefühl. Darum, dass der Mensch, der mir ein Zuhause gibt, darauf vertraut, dass ich wieder heimkomme. Vorausgesetzt, das Zuhause verdient seine Bezeichnung.
Ich: Sehe ich auch so. Mensch wie Tier läuft ja nur davon, wenn er und es fürchtet, zuhause wieder eingeschlossen zu werden.
Schaf 3: Na ja, so wie ich das sehe, gehen Menschen trotzdem und freiwillig zurück, auch wenn sie sich davor fürchten.
Schaf 4: Macht ja keinen Sinn.
Schaf 1: Macht nur dann Sinn, wenn du keine Alternative hast oder vor der noch mehr Angst hast.

Eine Alternative sollte eine Verbesserung sein

Schaf 2: Dann ist es aber keine Alternative. Eine Alternative sollte eine Verbesserung sein.
Schaf 3: Warum sollte man vor einer Verbesserung Angst haben?
Schaf 4: Weil es Veränderung bedeutet. Und Veränderung heißt: Bin unsicher. Kenn ich nicht. Bleib lieber, wo ich bin. Das kenn ich. Alles klar?
Das Schaf, dvdMAvTh: Mann, Mann, ihr seid ja alle so oberschlau. Aber wisst ihr was? Das Kamerunschaf stammt aus dem heißen Afrika, deshalb hat es kurzes, braunes Fell und muss nicht geschoren werden. Und deshalb kann es problemlos durch die Gegend laufen und das Pferd geben. Wir hingegen sind auf unsere Menschen angewiesen, die uns diese drei Tonnen Wolle abnehmen, bitteschön. Ich gehe doch nicht das Risiko ein, aus Jux und Dollerei auszuwandern und niemanden zu finden, der weiß, wie das geht. Mich verletzt. Eine lebensnotwendige Ader trifft! Kein Geld für den Tierarzt hat! Mich sterben lässt!
Schaf 1: Auch wieder wahr.

Die Schafe wenden sich energisch dem Gras zu. Die Diskussion ist beendet.
Tommi und ich sehen uns an.
Tommi: Wer so denkt…
Ich: … kann gleich ins Gras beißen.


Wer die wahre Geschichte des Kamerunschafes Leni lesen möchte, findet sie auf zeit.de
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