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Leseprobe: Das Erbe der Kaffeeprinzessin

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Als Felicitas in die Villa Andreesen zurückkehrte, zog ein verführerischer Duft durch die Halle. Kükenragout. Marie verstand sich eher auf die deftigen Bremer Gerichte, als die französische Küche, die Felicitas bevorzugte, und nachdem die Haushälterin zur letzten Dinnereinladung das Trüffelsoufflee als traurige, undefinierbare Masse aus dem Ofen gezogen hatte, hatte Felicitas beschlossen, zukünftig auf sämtliche kulinarischen Raffinessen zu verzichten. Wurden ihr in anderen Bremer Häusern auch Filetspitzen in Weißwein vorgesetzt, mussten die Gäste bei Andreesens mit gepflegter Hausmannskost vorliebnehmen.

Was günstiger war, weniger an Felicitas’ Nerven zerrte und zudem den Vorteil bot, dass die Familie in Kaufmannskreisen als bodenständig galt, allen Kapriziösitäten, die Felicitas sich leistete, zum Trotz.

Sie schaute auf ihre Taschenuhr, ein Geschenk von Heinrich, das sie stets bei sich trug. Die Papiere in ihrer Aktenmappe mussten warten. In einer Stunde würden die Gäste eintreffen; sie musste sich noch umziehen und die Anforderungen des Tages mit Rouge und Lidstrich von ihren Zügen tilgen, was heute eindeutig länger dauerte, als noch vor fünf Jahren. Leichtfüßig nahm sie zwei Treppenstufen auf einmal und lächelte, als sie sich in dem großen, goldgerahmten Spiegel gewahr wurde. Nein, eigentlich konnte sie sich nicht beklagen. Gewiss, die Wangenpartie ließ ein wenig an Festigkeit zu wünschen übrig und die steilen Falten über der Nasenwurzel gaben ihrer Miene stets einen etwas strengen Ausdruck, aber die aquamarinblauen Augen funkelten herausfordernd wie eh und je aus dem hellen Oval ihres Gesichts und ihre Figur hatte, obwohl sie vier Kinder geboren hatte, nichts Matronenhaftes an sich. Nur um die Taille hatte sie ein wenig zugelegt, doch das war nichts, woran Felicitas einen Gedanken verschwendete, solange sie eine Schneiderin hatte, deren geschickte Schnittkunst ein Nilpferd auf Stromlinie bringen würde.

Sie stürzte ins Schlafzimmer, riss die Spiegeltür ihres Kleiderschranks auf und nahm nach kurzem Zögern das dunkelrote Kleid aus chinesischer Seide vom Bügel. Der tiefe Ausschnitt war zwar gewagt, aber die züchtigen langen Ärmel stellten die Balance zwischen Provokation und Noblesse wieder her.

„Mutter, bist du da? Kann ich hereinkommen?“

Clemens. Wie immer im unpassendsten Moment und voller Zuversicht, dass ihm die Aufmerksamkeit seiner Mutter gewiss war. Sein Charme bestand zu einem Gutteil aus dieser entwaffnenden Unverfrorenheit und seinem burlesken Gehabe, mit dem er aus jeder Begegnung einen Auftritt formte. Er war seinem Großvater Max Wessels wie aus dem Gesicht geschnitten und hatte zweifelsohne dessen großes Talent geerbt. Während Felicitas ungerührt vor ihrer Frisiertoilette sitzen blieb und Make-up ins Gesicht klopfte, meterte ihr Sohn mit großen Schritten, die Hände in den Hosentaschen, durch das Schlafzimmer, von der Tür zum Balkonfenster und wieder zurück, hin und her, bis er schließlich in der Mitte stehen blieb und theatralisch die Arme ausbreitete.

„Ich bin außer Stande, eine Entscheidung zu treffen.“

„Wenn ich wüsste, worum es geht, könnte ich vielleicht etwas dazu sagen“, gab Felicitas amüsiert zurück und verteilte mit einem Gänsequast großzügig losen Puder auf Wangen, Stirn, Kinn und Dekolltee.

Clemens wischte sich eine widerspenstige braune Locke aus dem Gesicht und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den fragilen Spiegel.

„Was bist du für eine schöne Frau! Welch ein Jammer, dass du deine Bühnenkarriere wegen Papa aufgegeben hast.“

„Noch ein Wort“, sagte Felicitas kühl, „und du fliegst ‘raus.“

„Entschuldige“, erwiderte Clemens zerknirscht. „Nun, es ist so: Der neue Intendant, dieser Stange, hat mir ein Engagement angeboten. Drei Mal Komödie, zwei Klassiker, einen Liebhaber – und mit etwas Glück und wenn Klaus Marmann nach München geht, den Mephisto.“

„Oh, Clemens! Was für eine gute Nachricht!“ Felicitas strahlte. Bis zu diesem Moment hätte sie keinen Pfifferling für Clemens’ Laufbahn gegeben, denn Max Wessels hatte bis zu seinem Tod vor zwei Jahren nichts Besseres im Sinn gehabt, als öffentlich gegen Hitler zu wettern, bis man ihm die Intendantur des Schauspielhauses entzogen hatte. Max hatte sich um Kopf und Kragen geredet ohne Rücksicht auf seinen Enkel, und das konnte ihm Felicitas über sein Grab hinaus nicht verzeihen, denn an diesem Erbe hatte Clemens schwer getragen. Der Ruf seines Großvaters eilte ihm voraus, ganz gleich, an welchen Bühnen er vorsprach und überdies neigte Clemens selbst dazu, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wie oft hatte Felicitas ihm einzuschärfen versucht, etwas mehr Fingerspitzengefühl walten zu lassen, das man brauchte, um das künstlerisch Wünschenswerte mit dem politisch Machbaren unter einen Hut zu bringen. Aber wenn Stange den jungen Hitzkopf tatsächlich engagieren wollte, zählte Talent offensichtlich heute doch noch etwas, nicht nur die rechte Gesinnung.
„Ich freue mich sehr für dich“, sagte sie weich.

Abrupt wandte er seinen Blick von ihr und setzte seinen Dauerlauf durch das Zimmer fort. „Wie kann ich das Angebot annehmen? Du weißt, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, aber welcher Mensch von Herz und Verstand kann mit Barbaren kooperieren, die das hohe Gut des eigenen Volkes, seine Bücher!, auf den Scheiterhaufen werfen!“ Die „Aktion wider den undeutschen Geist“, die der Nationalsozialistische Studentenbund ausgerechnet auf dem Spielplatz an der Nordstraße, dem traditionellen Versammlungsplatz der Bremer Arbeiterbewegung, im Beisein der SA, der Hitler-Jugend und einer johlenden Menschenmenge durchgeführt hatte, hatte Clemens zugesetzt. „Gesa hat damit wohl kein Problem“, fügte er ironisch hinzu.

„Lass deine Schwester aus dem Spiel. Sie versucht ihren Weg zu finden, gerade so, wie du es tust“, erwiderte Felicitas und erhob sich.

Resigniert winkte Clemens ab. „Ich sehe keinen Weg vor mir, absolut keinen.“

„Vielleicht denkst du einmal darüber nach, dass Stange mit dem Angebot ein nicht unerhebliches Risiko auf sich nimmt“, sagte Felicitas schneidend. Wenn sie eines hasste, dann dieses gottverdammte Selbstmitleid. „Die Zeiten sind nicht einfach, aber es nützt niemandem, am wenigstens dir, wenn du dich hängen lässt. Du hast genau zwei Möglichkeiten: Entweder du nimmst es an und zeigst allen Skeptikern, was du kannst. Oder du lässt es sausen. Du hast die Wahl.“ Sie küsste Clemens flüchtig auf die Wange und hob die Augen gen Himmel. „Im Übrigen muss ich mich jetzt um meine Gäste kümmern…“

„Tststs“, neckte Clemens seine Mutter. „Das wird doch bestimmt wieder eine puppenlustige Angelegenheit! Wen erwartest du denn?“

„Van der Laakens, den Baumwollhändler Berger und seine Mutter, Frank Middeldorf…“

„Brrr.“ Clemens machte ein Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen und schnarrte: „Darf ich Ihnen, verehrte Frau Hoffmann, als kleines Zeichen meiner Bewunderung diese Vanilleschote überreichen?“

Felicitas verbiss sich das Lachen; Clemens hatte das enervierende Timbre des Gewürzgroßhändlers gar zu gut getroffen.
„Ich verstehe nicht, wie du dich mit diesem Typen abgeben kannst“, beharrte Clemens. „Er ist geizig, über die Maßen langweilig und sitzt im Dickdarm des Gauleiters von Weser-Ems…“

„Nun ist es aber genug“, sagte Felicitas ärgerlich. „Wenn du dich benimmst, kannst du gern zum Essen bleiben, andernfalls…“

„Gott steh mir bei“, erwiderte Clemens mit unwiderstehlichem Grinsen, küsste seine Mutter auf die Wange und verließ feixend das Schlafzimmer.

Felicitas schüttelte nachsichtig den Kopf. Wurde der Junge denn nie erwachsen? Was er vorne mit Charme und Geist aufbaute, stieß er, wenn er seinem Werk den Rücken wandte, mit dem Hintern wieder um. Andererseits: War es nicht natürlicher für einen jungen Menschen, gegen eine von oben diktierte Gleichmacherei zu opponieren statt sie, wie die Mehrheit es tat, kritiklos, Lemmingen gleich, zu inhalieren und ihr widerstandslos zu folgen? Im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder Christian, der mehr nach Heinrich schlug, hatte Clemens die rebellische Ader der Wessels geerbt, die Max auf den Intendentanten-Stuhl gehievt und danach in Teufels Küche gebracht, seine Frau und Felicitas’ Mutter, Alice Wessels, aus der Ehe fort in eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zu einem ostpreußischen Gutsverwalter und Felicitas an die Spitze eines der größten Bremer Unternehmen getrieben hatte.

Mit List, Mut und einer Portion Härte hatte sie es verstanden, aus dem Wenigen, was der Börsenkrach 1929 an Vermögen übriggelassen hatte, kraftvoll einen neuen Anfang zu gestalten: Heinrichs Patent für den magenschonenden Kaffee verschaffte ihr eine unangefochtene Marktstellung. Während andere Kaffeeröster und die Baumwoll- und Tabakhändler noch unter der Rezession und der scharfen Devisenbewirtschaftung und den damit verbundenen Einfuhr-Kontrollen litten, hatte Felicitas nicht nur das Bremer Werk ausgebaut, sondern auch eine Niederlassung in Ostpreußen gegründet und damit den mächtigen Leipziger Kaffeeunternehmern schlaflose Nächte bereitet.

Zugegeben, dieser Charakterzug hatte ihr und ihren Eltern nicht immer Glück gebracht, aber ohne eine Portion Dynamit im Blut war es nicht möglich, das Leben bei den Hörnern zu packen und zu bezwingen. Man musste dafür jedoch nicht auf die Barrikaden klettern und Fahnen schwingen, dachte Felicitas. Es gab elegantere Wege, seine Ziele durchzusetzen.