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Leseprobe: Der geheime Salon

Buchcover "Der geheime Salon2 von Karin Engel

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Einer Eingebung folgend, die sie kurz bedachte, bevor sie ihr zögernd nachgab, schmückte Charlotte den Blick, den sie ihrem Mann wie jeden Morgen zum Abschied zuwarf, mit ein wenig Nachsicht. Umberto war unverschuldet in einen Krieg geraten und hatte all die Jahre sein Bestes getan, vorzugeben, davon nichts bemerkt zu haben, ob aus Rücksicht und Feingefühl ihr gegenüber oder aus Bequemlichkeit, wusste Charlotte nicht zu sagen. Aus reinem Selbstschutz hätte sie jedoch auf egoistische Motive gewettet; ihrem Mann zuzugestehen, ein besserer, als ein leidlich guter Mensch zu sein, hätte sie nicht ertragen können. Aber das hatte nichts mit Umberto zu tun.

Der Morgen war klar, als er aufs Pferd stieg, keine Wolke am Himmel, angenehm mild, ein leichter Wind, der perfekte Morgen, um die vielen Hektar Land abzureiten, die sich seit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts und nun mehr drei Generationen im Besitz der de Santanyis befanden und die sich nun, Anfang Februar 1905, als wogendes, weißrosa Meer zeigten, in dem Umberto wie jeden Morgen verschwinden würde, um eins zu werden, mit der Erde und den Baumseelen und den Mandeln, die der Herrgott ihm Jahr für Jahr zu Tausenden und Abertausenden schenkte, um ihn und die Seinen reich und zufrieden zu machen. Der morgendliche Ritt war Umbertos persönliche Liturgie, der wahrhafte Gottesdienst im Gegensatz zu dem, was die institutionalisierte Gier daraus gemacht hatte. Charlotte wusste, dass ihr Mann, obschon ein katholischer Katalane, im Grunde seines Herzens ein Freigeist im Spinozaschen Sinn war. Nur ihm Meer der Mandelbäume fand er den Frieden, jeden Morgen aufs Neue, ganz gleich, was seine Frau ihm vorenthalten, sein ungeratener Sohn verbrochen und irgendeiner der Arbeiter wieder verbrochen haben mochten, aber er fand ihn nur, wenn er allein war.

Charlotte winkte ihm nach und blieb noch einen Moment stehen. Sie wünschte, sie könnte es Umberto nachtun, aber sich zu Pferd von seiner Frau begleiten zu lassen, während er seiner schöpfungsgewollten Augabe als Herrscher über Land und Leute nachkam, gehörte nicht zu den Gepflogenheiten, denen sich ein mallorquinischer Großgrundbesitzer in diesen Zeiten und an diesem Ort befleißigten. Mochte die Belle Epoque seit der Jahrhundertwende für Kunst, Literatur und Wissenschaft unablässig neue, aufregende Horizonte eröffnen, galt das nur in Maßen für das Verhältnis von Mann und Frau. Und auf dieser Insel nicht einmal das.

„Dunkle Schokolade von der Insel Kuba, ein Hauch rosa Pfeffer von Madagaskar und ganz wenig Zucker. Und obendrauf ein weißes Schokoladenwapperl mit den Initialen SFB.“ Milena verzog das Gesicht, als würde allein der Gedanke an die herbe Leckerei ihr Bauchschmerzen bereiten. „Aber das war einmal. Als die Sisi ermordet wurde, hat Papa aus reiner Pietät die Produktion der Batzen eingestellt.“

„Das hat Art“, sagte die Modistin anerkennend.

„O ja, aber der Kaiser und die gscherte Habsburger Bagage waren anderer Ansicht und haben meinem Papa den Titel Hoflieferant antzogen. Zwei Tage später hat’s ihn niedergestreckt. Aus die Maus.“ (…)

„Und nun? Ich meine, und Sie? Ich meine, falls die Frage erlaubt ist, ich möchte Ihnen ja nicht zu nahe treten.“

Doch, genau das willst du, dachte Milena bei sich. Du platzt vor Neugier. Laut sagte sie: „Ach, woher denn. Es ist ja kein Geheimnis. Nach seinem Tod überantwortete meine Mutter unserem langjährigen Prokuristen die Führung der Geschäfte, was sich als kapitaler Fehler erwies. Ehe wir begriffen, was sich vor unseren Augen abspielte, hatte der Mann fast das gesamte Firmenvermögen an sich gebracht und war nach Amerika geflohen.“

„Ja, wird der Mann denn nicht verfolgt?“

„Doch. Die Wiener Polizei mag zu bequem sein, um einen Vberbrecher zu jagen und ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen. Aber ich bin es nicht. In einer Woche gehe ich an Bord des Ozeandampfers Eusebia, Kurs New York, und ich schwöre Ihnen, dass ich den Mann finden werde, ganz gleich, wie lange es dauert und was es mich kostet.“

„Das ist mutig.“ Die beiden Frauen lächelten sich an. „Leider“, fuhr die Modistin fort, „kann ich Ihnen die Kleider und die Hüte trotzdem nicht schenken.“

Milena hob die Hände, als hätte sie das nie im Leben erwartet, bezahlte und verließ das Geschäft. Wenige Meter weiter blieb sie stehen und las, was auf dem Straß0enschild zu lesen stand: Knochenhauerstraße. Na, das passte. Die Krauter, die hier ihr Süppchen feilboten, ließen sich wohl nicht so leicht erweichen.

Wiewohl man sich in Bremen einiges auf die Adelsfreiheit der Stadt einbildete, leistete der Kreis derer, die Charlotte ihrem Zweck entsprechend ausgewählt hatte, ihrer Einladung ausnahmslos Folge. Spanischer Adel und bremische Wuzeln, da sagte man nicht nein. Champagner perlte, Orden blitzten, Seide knisterte, Geld und Bildung hatten sich am Osterdeich eingefunden.

Doch der Abend drohte zu einem Fiasko zu werden.

Nach zwei Stunden war die Luft raus. (…)

Sollte dieser Freitagabend eine Fortsetzung erfahren – und das war ja der Plan! – musste es ihr gelingen, die Stimmung zu lockern und eine besondere Note anzuschlagen, die die Gäste neugierig auf den nächsten Sommersalon machen würde. Während über das künstlerische Niveau gestifteter Brunnen und monströser Reiterstandbilder parliert wurde, zerbrach Charlotte sich den Kopf, was sie nur tun könnte, um den Abend zu retten, als ihr jäh ein Gedanke in den Sinn kam, ein verrückter, wilder, idiotischer Gedanke. Andererseits, was konnte schon geschehen?