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Leseprobe: Die Kaffeeprinzessin

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Das Land hatte sie gefangen genommen. Was die Natur sonst auf einzelne Länder verteilt hatte, schien hier in voller Schönheit konzentriert. Satter Regenwald wurde abgelöst von Tijuca-Wäldern mit gigantischen Jacaranda-Bäumen, Seen, Höhlen, Wasserfällen. Papageienschwärme stoben auf, als sie ein Flussbett überquerten, und Ring­störche zogen majestätisch vorbei, auf die Alligatoren hinunterschauend, die ihre Leibspeise davonfliegen sahen.

Hinter einer Haarnadelkurve musste Paolo bremsen. Hunderte von schwer beladenen Maultieren trotteten in der sengenden Sonne die Straße hinunter, angetrieben von dünnen braunhäutigen Männern in zerschlissenen Hemden, Shorts und löchrigen Sombreros. Sie schlugen mit Peitschen auf die Tiere ein, schrien unverständliche Worte und spien roten Saft aus. Das Automobil und seine Insassen interessierten sie nicht. Gleichmütig zogen sie vorüber, warfen nur gelegentlich einen finsteren Blick ins Wageninnere.

»Sie sind auf dem Weg nach Santos«, erklärte Paolo. »Maul­esel ist einziges Transportmittel, das sie haben. Leider sehr schwere Reise für Mensch und Tier. In Regenzeit bildet sich Treibsand, in dem sie umkommen, andere werden bei Überfällen getötet. Alles wegen Kaffee, so ist das. Wir können nur warten.«

Mit wachsender Beklemmung sah Felicitas den Elends­treck vorbeiziehen. Eins der Maultiere brach zusammen. Eine Lawine von Kaffeekirschen ergoss sich aus den Säcken und rollte die Straße hinunter.

»Um Himmels willen!«, rief Felicitas und sprang aus dem Wagen, bevor Heinrich sie daran hindern konnte. Paolo folgte ihr.

»Sieht nicht gut aus, Säcke sehr schwer, dreihundert Pfund. Rückgrat kaputt«, sagte er tonlos und starrte geradeaus.

Das Tier schrie.

»Gibt es denn niemanden, der ihm den Gnadenschuss geben kann?«, rief Felicitas und sah sich wild um.

»Womit, Señora? Alles Sklaven. Sklaven haben keine Pistolen.«

Felicitas war entsetzt und kniete neben dem Tier nieder, das verzweifelt schrie und schwer atmete. Die gelbunterlaufenen braunen Augen blickten ins Leere. Einer der Män­ner versetzte dem Tier im Vorbeigehen einen Tritt und grinste hämisch, bevor er aufreizend langsam weiterging, Kaffeekirschen vor sich herkickend.

Felicitas weinte. Heinrich nahm sie in den Arm und zog sie hoch.

»Du kannst nichts für das Tier tun«, sagte er mitfühlend. »Wir haben keine Waffen bei uns. Vielleicht war es naiv von mir, aber ich hätte nicht gedacht, dass wir sie in diesem Land brauchen.« Er reichte ihr ein Taschentuch, und Felicitas wischte sich über die Augen. Die Schreie des Maultiers erstarben.

»Ich dachte, die Sklaverei sei längst abgeschafft worden«, sagte Felicitas tonlos, als das letzte Maultier sie passiert hatte und sie ihren Weg fortsetzten.

»Das war nicht sehr praktikabel«, erwiderte Heinrich und faltete sein Taschentuch zusammen. »Einwanderer kamen in Scharen, als die Sklaverei offiziell für beendet erklärt worden war, und nahmen gewissermaßen ihren Platz ein.«

»Ja, aber sie konnten die Sklaven nicht ersetzen«, fügte ­Paolo mit beißender Ironie hinzu, »denn sie weigerten sich zu arbeiten, wollten Zehnstundentag und Schulen für die Kinder. Ha! Sie glaubten, einfach zahlen Schulden ab und danach frei.« Er lachte grimmig. »Mich nicht wundern, dass Kaffeebarone zur Sklaverei zurückkehrten.«

»Und du, Paolo?«, fragte Felicitas. »Was bist du?«

Er sah in den Rückspiegel und traf Felicitas’ Blick. »Ich haben irgendwie durchgehalten«, sagte er betont munter, »viel gearbeitet und legen viel zur Seite, damit eines Tages ich eigenes Land kaufen kann. Dann ich werde holen meine Familie aus Portugal.«

»Wann wird das sein, Paolo?«

Die Frage verklang, und Felicitas schloss die Augen. Sie fühlte sich müde und staubig und im Innersten wund. Die Schreie des Maultiers hallten in ihr wider, als wären sie die wahre Melodie dieses Landes, das vorgab, im Samba-Rhythmus zu leben, und sie spürte, wie sich ein Knoten der Wut und Verzweiflung über die Grausamkeit der herrschenden Klasse in ihrer Brust bildete. Sie sah Heinrich von der Seite an und fragte sich, wen sie eigentlich wirklich geheiratet hatte. Sein Mitgefühl schien einzig und allein auf sie, seine Frau, begrenzt, das Maultier, Paolo und das Elend der Männer waren ihm offenbar völlig gleichgültig, und das machte ihr Angst.

Mit der letzten Serpentine erreichten sie eine Anhöhe. Vor ihnen erstreckte sich ein schnurgerader Weg, links und rechts davon kilometerweit purpurrote Erde, kein Baum, kein Strauch.

»Terra Roxa«, sagte Paolo. »Kein Schatten, nur Kaffee …«

Heinrich fiel ihm ins Wort. »Tatsächlich wuchs hier früher ein undurchdringlicher Regenwald, der zwar schön grün, aber zu nichts nutz war. Jetzt wachsen hier vier Millionen Kaffeesträucher. Ich weiß, dass es dir nicht gefällt, Felicitas, aber für mich ist dies ein wunderbarer Anblick.«

Unzählige schwarze Leiber glänzten in der glühenden Sonne. Bunte Tücher umhüllten ihre Gestalten, Männer wie Frauen trugen auf dem Rücken große Weidenkörbe, in die sie die gepflückten Kaffeekirschen gekonnt in hohem Bogen warfen.

»Wenn man ein paar Bäume hätte stehen lassen, müssten diese Leute nicht verbrennen«, sagte Felicitas bissig und sah Heinrich provozierend an, obwohl es ihr ins Herz schnitt, ihn so zu behandeln.

»Schattenkaffee ist teurer«, gab er freundlich zurück. »Je mehr Bäume, desto geringer die Ernte, desto weniger Einnahmen. Eine simple Gleichung, die viele Arbeitsplätze – auch in Bremen – bedeutet.«

Felicitas sagte kein Wort, doch das brauchte sie auch nicht. Weder Paolo noch Heinrich konnte ihren Gesichtsausdruck missdeuten. Was sie hier sah, gefiel ihr nicht, gefiel ihr ganz und gar nicht, doch sie rief sich zur Ordnung. Sie hatte kein Recht, in dieses Land zu kommen und alles zu bekritteln.