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Leseprobe: Die Schaustellerin

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Philipp breitete eine Decke aus und arrangierte das Geschirr schnell und geschickt; das, was die Gesellschaft als Frauenarbeit verstand, war nicht unter seiner Würde und einer der vielen, vielen Gründe, weshalb Celia so hingerissen von diesem Mann war, den sie doch seit Kindertagen kannte. Der zwei Jahre ältere Merten-Erbe hatte damals wählen können, wen der Schaustellerkinder er zum Freund, zur Freundin nahm. Seine Großzügigkeit und Loyalität beeindruckte die Jungen, sein umwerfend gutes Aussehen und sein lässiger Charme betörte die Mädchen.

Celia, widerspenstig und sich selbst als geborene Anführerin begreifend, dachte nicht daran, sich in den Reigen der Anbetung zu reihen und würdigte Philipp keines Blickes, nicht in Bremen, nicht in Hamburg, nicht unterwegs, auf der Reise von einem Jahrmarkt zum nächsten. Dem Gesetz der Anziehung zufolge, nachdem die Faszination proportional zum Widerstand wächst, fanden die Zehn- und der Zwölfjährige irgendwann zusammen, um sich nie wieder zu verlassen. Philipp raufte sich für Celia, sie verband seine zerschrammten Knie. Philipp erzählte von seinen Träumen, Celia ihm die ihren. Er hegte einen Gedanken, sie sprach ihn aus. Manchesmal  kam es ihnen so vor, als seien sie eine Seele in zwei Körpern, und dann sahen sich die beiden Kinder mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Schalk in die Augen.

Als Philipps Vater vor vier Jahren in das Fabrikgeschäft einstieg, sahen sie sich nur während der Wintersaison; und heimlich noch dazu, weil Armin Merten den Stallgeruch des Fahrenden loswerden wollte, und daher sorgsam darauf achtete, mit wem er selbst und sein Sohn Umgang pflegten. Dieser Dünkel versetzte Celias Vater so in Rage, dass er Merten am liebsten aus seinem feinen Anzug geboxt hätte. Eines Tages, darin waren sich alle Schausteller einig, würde ihn sein Hochmut einholen. Als Philipps Mutter am Fleckfieber erkrankte, glaubten einige, Merten hätte seine Lektion gelernt, doch Hedwig Merten genas überraschend, und ihr Mann ging seinen Weg der mühsam errungenen Bürgerlichkeit unbeirrt weiter.

Philipp und Celia trafen sich, wann immer es möglich war, bewahrten aber Stillschweigen, um nicht zu riskieren, dass Armin Merten wie angedroht seinen Sohn zur Vervollkommnung seiner kaufmännischen Ausbildung nach Togo schickte. Weder ihren Eltern noch ihrer Freundin Susanna verriet Celia ein Sterbenswörtchen über Philipp. Die Heimlichkeit verwandelte die Gefühle der Freundschaft und innigen Vertrautheit in ein Feuer der Leidenschaft, das sie unvermittelt und mit elementarer Wucht vor zwei Jahren lichterloh entflammte. Es geschah am ersten Tag des Freimarkts, als sie, jeder für sich auf der Suche nach einem stillen Moment, einander an den Osterdeichwiesen begegneten. Philipp war aus dem Kontor geflohen und wehen Herzens über den Jahrmarkt und hinunter an die Weser gelaufen, bedrückt von den hohen Erwartungen, die sein Vater an ihn stellte, und getrieben von der Verzweiflung, nie das Leben führen zu dürfen, das ihn glücklich machen würde.

Celia war am Ufer der Kaiser-Brücke hinunter zu ihrem geheimen Platz geklettert, der von zwei dichten Schlehenbüschen vor neugierigen Blicken geschützt war. An diesem Nachmittag hatten sie sich zum ersten Mal geküsst. Und berauscht von der plötzlichen Erkenntnis, einander zu lieben, begannen sie, aus dem Stein, den Philipps Vater ihrer Verbindung in den Weg legen würde, das Bild ihres gemeinsamen Lebens zu meißeln. Sie würden das Deutsche Reich verlassen, nach Amerika reisen und die Finessen des dortigen Schaustellergeschäfts erlernen, das ihnen soviel glanzvoller erschien als das heimische. Die Engländer wussten zwar eine Menge über Dampfkraft, aber die Amerikaner hatten die erste Holzachterbahn der Welt gebaut, und das gab den Ausschlag. Allein dieses Wunderwerk der Schaustellerkunst zu sehen würde doch die Reise wert sein!

„Die Form beschreibt eine liegende Acht, die Wagen fahren nicht auf Rädern, sondern gleiten über Rollen, die auf den Schienen montiert sind“,  hatte Philipp ihr an jenem Nachmittag aus dem Saturn, der Zeitung für Schausteller, vorgelesen.

„Vielleicht können sie ja auch irgendwann über Kopf fahren“, hatte Celia übermütig ausgerufen und Philipp hatte sie ausgelacht.

„Unsinn, so weit ist man noch nirgendwo.“

„Wir können es schaffen“, beharrte Celia. „wenn wir nur an uns glauben. Glaubst du an Lambert & Merten?“

„Ich glaube an Merten & Lambert“, hatte er sie geneckt und sie an sich gezogen. Seit diesem Tag hatten sie ihren Plan gehegt, ausgeschmückt und verfolgt, im Hafen nach Schiffen Ausschau gehalten, die einen vertrauenswürdigen Eindruck machten und sich nach seriösen Agenten umgehört, die die Passagen zu anständigen Preisen verkauften. Zwei, drei Jahre wollten sie mindestens in Amerika bleiben, vielleicht auch länger, aber spätestens zu Celias 21. Geburtstag nach Bremen zurückkehren, damit sie die Nachfolge ihres Vaters antreten konnte. Im Gepäck würden sich reichlich Ideen,  Anregungen und Konstruktionszeichnungen für Aufsehen erregende, noch nie dagewesene Fahrgeschäfte befinden, die sie in den besten Produktionsbetrieben in Thüringen nach und nach bauen lassen würden. Mit der Lambertschen Schießbude und dem Venezianischen Traum  besäßen sie dann in naher Zukunft ein konkurrenzfähiges Unternehmen, das es mit anderen Größen der Schaustellerei aufnehmen konnte. Ein Argument, dessen war Celia sich sicher, das zumindest ihre Eltern von ihrem ehrgeizigen Plan überzeugen würde.

Ein letzter fahler Sonnenstrahl ließ das graue Band der Weser silbrig schimmern. Celia fröstelte und kuschelte sich eng an Philipp.

„Wir sollten bald fahren, es gibt viele neue Erfindungen“, sagte sie. „Vielleicht  im April, dann sind die Herbststürme vorüber und wir hätten eine halbwegs sichere Überfahrt zu erwarten.“

„Das ist zu früh.“

„Wegen des Geldes, ich weiß.“ Armin Merten hielt seinen Sohn äußerst knapp und fragte überdies beständig nach, was Philipp mit dem bisschen Taschengeld anstellte, so dass es schwieriger als gedacht war, die Summe für die Überfahrt zusammen zu bekommen. Mit etwas Geschick hätte er es der Köchin vom Haushaltsgeld stibitzen können, aber für den Verlust würde sie geradestehen müssen, und diese Vorstellung war ihm ebenso unerträglich wie die, dass seine Mutter seinen Verrat entdecken könnte. „Aber schau, ich habe auch gespart…“, fuhr Celia fort. Sie leckte sich den buttrigen Zucker von den Fingern und nestelte an ihrem Strumpf herum. „Es sollte eine Überraschung sein.“ Strahlend hielt sie ihm das hühnereigroße Säckchen aus lila Stoff entgegen, den sie aus Großmutters Nähkästchen gemopst hatte. Die Münzen, beim Schikanöse-Spiel gegen Kester und den raubeinigen Nachbarn aus dem Schnoor gewonnen,  klimperten. Erwartungsvoll sah Celia ihrem Geliebten in die Augen, doch er wich ihr aus und wirkte plötzlich angespannt.

Sie hatten sich ein halbes Jahr lang nicht gesehen, fühlte er sich unwohl, fremd oder, schlimmer: verpflichtet? Liebte er sie am Ende nicht mehr? Ihr Magen schien einen Salto zu vollführen, Übelkeit drängte hoch. Dann der rettende Gedanke:  Philipp musste sich zusammenreißen, um nichts Ungehöriges zu tun, Celia spürte, wie ihr das Blut in Gesicht und Schoß schoss. Langsam öffnete sie ihr Mieder, nahm seine Hand und legte sie auf ihre nackte Brust, voller Vertrauen, dass es richtig war zwischen ihnen, weil sie sich liebten. Einmal hatte er ihr schon gezeigt, wie sie ihm Erleichterung verschaffen konnte und ihr, während sie sein pochendes Glied rieb, ebenso süße, schwindelige Gefühle geschenkt. Jetzt drängte es sie, diesen Liebesbeweis zu wiederholen. Die Schlehenbüsche  hatten ihre Blätter noch nicht ganz verloren und boten  ausreichend Schutz vor den Blicken vorüberfahrender Seeleute. Doch behutsam nahm Philipp seine Hand fort und bedeckte Celias Blöße mit seiner Jacke. In seinen Augen blitzte etwas auf – Bedauern und ja, Traurigkeit. Verwirrt und besorgt sah Celia ihn an.