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Leseprobe: Die Teehändlerin

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Was sie als Kind geliebt hatte, verfehlte auch jetzt seine Wirkung nicht. Eliana streifte ziellos umher, an den Teesträuchern vorbei, die Hänge hinauf und hinunter. Mit jedem Schritt wich die Anspannung ein wenig mehr von ihr und machte Platz für die Einsamkeit, die sie umarmte wie eine lange vermisste Freundin. Noch stand die fahle Sonne hoch am hellgrauen Himmel; es blieb genügend Zeit, diesen köstlichen Moment zu genießen.  Sie folgte einem Pfad, der sie von den Teegärten fortführte und auf halber Höhe des höchsten Hügels, den sie von Song Lius Haus gesehen hatte, vor einem steinernen Tempel endete.

Die Gottheit, der der Tempel geweiht war, maß an die zwei Meter und thronte auf einem steinernen Drachen, in der einen Hand eine schmale Vase, in der anderen eine Perle. Sie wirkte zwar weder so gemütlich noch so fröhlich wie der dicke Maitreya, schien Eliana aber direkt ins Herz zu sehen. Irritiert blieb Eliana in der Mitte des Tempelraumes stehen.

Plötzlich stand Blake hinter ihr. Eliana spürte seine Anwesenheit, bevor er ein Wort sagte. „Das ist Kuan Yin.“

„Wer ist sie?“

„Manche vergleichen sie mit der christlichen Maria. Sie ist bereit, das Leid aller Wesen auf sich zu nehmen und verzichtet solange auf den eigenen Eintritt ins Nirwana, bis wir alle, Menschen wie Tiere, erlöst sind.“

„Hmhm“, machte Eliana, froh, dass Blake ihr Gesicht nicht sah. Die sanfte Sinnlichkeit, die sie vorhin so angenehm durchströmt hatte, war zurückgekehrt; weich und süß floss sie dahin und schien ihre Knochen, ihre Haut, ihre Haare zu liebkosen. Sie wagte kaum zu atmen aus Furcht, Blake könnte daraus schließen, in welchem Zustand sie sich befand.

„Die Vase, die sie trägt, soll vom heilenden Nektar des Mitgefühls gefüllt sein, die Perle symbolisiert Unsterblichkeit“, fuhr Blake fort. Seine Stimme war eine Spur rauer als gewöhnlich. „Wer Kuan Yin verehrt und sich fleißig in der Kunst des Mitgefühls übt, landet nach seinem Tod in Amitabhas Paradies. Juwelenbäume, Paläste und Lotusteiche, himmlische Musiker und Tänzer. Das volle Programm.“

„Und das ganz ohne Sündenablass“, bemerkte Eliana mit leiser Ironie, und fühlte, wie Blakes Lächeln seine Zügen erhellte.

„Sie können sogar ihren Tee trinken“, sagte Blake. „Der Legende nach soll ein armer Bauer in der Provinz Fujian das Wunderpflänzchen hinter dem Tempel der Kuan Yin entdeckt und ihr zu Ehren Tikuanyin genannt haben. Die stark gerollten Blätter entfalten sich beim Aufgießen übrigens zu riesengroßen Teeblättern von bis zu neun Zentimeter Länge.“ Er lachte leise. „Möchten Sie noch etwas über die rötliche Färbung der Blätter erfahren? Ihr Onkel hat Herrn Song vorhin groß und breit darüber aufgeklärt. Schade, dass Sie Songs Gesichtsausdruck nicht gesehen haben.“

Eliana fuhr herum. „Hören Sie bloß auf, ich kann nichts mehr dergleichen aufnehmen. Heute Nacht werde ich von laufenden Tigern und gigantischen Teeblättern träumen.“

„Ja, ja, die vielen Details versperren mitunter den Blick für das Ganze.“

„Mein Onkel ist besessen vom Teehandel und von der Idee, seine Tochter zu seiner Nachfolgerin zu machen. Josephine hingegen ist beseelt von ihrer Vision, die ganze Welt zu bereisen. Herr Song redet über den Teegarten, als gehörte er ihm persönlich, und Sie wissen soviel über dieses Land, als wären Sie Professor an einer Universität.“ Sie hielt inne. „Was ich damit sagen will, ist, dass es nicht die vielen Details sind, die mir zu schaffen machen, sondern dass mir klar geworden ist, dass alle Menschen von einem leidenschaftlichen Interesse geleitet sind. Außer mir. Da ist nichts.“ Ihre Offenheit einem fast Fremden gegenüber bestürzte Eliana. Das war die Sinnlichkeit, die sie unvorsichtig machte, dieses Begehren, dasselbe Verlangen, das sie einst für John empfunden und das sie mit Liebe verwechselt hatte.

„Sie haben Ihre Familie“, sagte Blake sanft. „Und Sie haben sich und Ihre Geschichte.“

„Wenn Sie wüssten, was das bedeutet, würden Sie so einen Unsinn für sich behalten“, erwiderte Eliana brüsk und drängte sich ohne ein weiteres Wort an Blake vorbei.

Nachdenklich sah Blake der zierlichen Gestalt nach.

Eine verletzte Seele. Und eine Frau, die er begehrte.

Neben ihm raschelte es kaum wahrnehmbar im Gebüsch. „Könntest du dir bitte angewöhnen, wie ein normaler Mensch aufzukreuzen, Bao?“

Geschmeidig glitt Kwai Chang Bao  an seine Seite.

„Ich wette um deine Kutte, Bao, dass in dieser Familie etwas ganz gewaltig im Argen liegt.“

„Und du möchtest es herausfinden, Bruder meines Herrn.“ Kwai Chang Baos Miene war unergründlich.